Straubing, Stadtpfarrkirche St. Jakob – Eule Orgel

NeubauStraubing, Stadtpfarrkirche St. Jakob – Eule Orgel

Erbaut 2018-2020, Hermann Eule Orgelbau - opus 698, IV+P/100 (davon 6 Extensionen) + 6 Transmissionen

  • Straibing
  • 2018 - 2020
  • Neubau

 

Straubings gotische Basilika bot einen überwältigenden Eindruck beim Besuch im August 2016: Helligkeit, Leichtigkeit und Weite war zu verspüren, wenn man die Kirche betrat, die wahrhaft kathedralhaften Ausmaße, Kubatur und weitläufige Akustik weckten Staunen; die Klarheit der Linien der Architektur und das Farbenspiel der Fenster faszinierten ebenso wie die qualitätvolle, wohltuend ruhig platzierte Ausstattung aus Barock und Neugotik, die dem Kirchenraum seine Weite und Größe beließ, ohne sie zu zergliedern und überladen.

Der riesige Raum und seine spezielle Akustik ließen sich nicht einfach mit Standardlösungen bewältigen. Der Klang verlor sich in den Weiten des Raumes, da viele Pfeifen tief unten und hinten in den Orgelgehäusen standen, statt zielgerichtet nach vorn Klingen zu können. Die Basslastigkeit der Akustik bewirkte, dass hohe Frequenzen im Obertonbereich schneller absorbiert wurden – dadurch verloren die Klangfarben an Charakter und Zeichnung, wurden zu gleichförmigen Klängen nivelliert und verschwammen. Je näher man dem Altar kam, desto mehr prägte die Chororgel den Klangeindruck im Chorraum, ohne neue Klangfarben einzubringen. Dieses Verblassen und Verschwimmen des Klanges der Orgeln versuchte die riesige Trompetenbatterie zu kompensieren: ihr akustischer Pegel schaffte das zwar mühelos, aber ließ zugleich hören, wie groß der Unterschied vom lauten Brüllen zum sonoren Singen ist. Ihr großflächiger Holzboden behinderte im Gegenzug wiederum die Klangabstrahlung der darunter liegenden Werke…

Das Konglomerat aus Pfeifen verschiedener Erbauer und Bauschichten gab den letzten Ausschlag, dass kein befriedigender, aufeinander und auf den Raum abgestimmter Orgelklang entstehen konnte. Der Hauptteil der Orgelanlage war 1965 (Chororgel) und 1967 (Hauptorgel) von Friedrich Meier aus Plattling erbaut worden, aber mit viel Altmaterial: Wir fanden unter den Pfeifen einen Teil der Zinkersatzpfeifen aus dem Prospekt, die wohl um 1920 nach der Enteignung der Zinnpfeifen für den I. Weltkrieg 1917 eingebaut wurden, sowie 7 Register von einem neobarocken Klangumbau 1937. Die Trompeteria kam nachträglich 1985 hinzu. In der Chororgel stand sogar ein Register aus alten Pfeifen unbekannter Herkunft. Nicht zuletzt: Auch von der eigentlichen Vorgängerorgel, die Franz Borgias Maerz 1898 mit 3 Manualen und Pedal und 37 Registern erbaut hatte, hatten es 2 vollständige und 6 teilweise Register in die Meier-Orgel geschafft, samt dem würdevollen neogotischen Gehäuse von 1898 in der Farbfassung von 1966.

Für diesen Kirchenraum eine überzeugende Orgelkonzeption zu finden war außerordentlich reizvoll – aber keineswegs einfach. Es galt, bessere Lösungen für alle jene Einschränkungen zu finden, unter denen die bisherige Orgelanlage litt. Eine gut durchdachte Basis bot der Dispositionsvorschlag des Orgelsachverständigen, Herrn Gerhard Siegl aus Regensburg.

Unser Anliegen war es, ein Gesamtkonzept für eine neue Orgelanlage zu erstellen, das den Anforderungen an eine individuelle, charaktervolle, raumangepasste, zuverlässige und klangschöne zeitgenössische Orgelanlage gerecht wird. Die neue Orgel soll technisch erstklassig, in hoher Fertigungsqualität hergestellt, konstruktiv ausgereift und dauerhaft (Elektronik!) und wartungsfreundlich sein. Der neue Prospekt der Chororgel soll sich äußerlich gut in den Raum einfügen, ihn nicht dominieren, aber sich auch nicht verstecken. Hauptsächlich jedoch soll die neue Orgelanlage besser als die bisherige den Raum beschallen – klar, farbig, dynamisch, raumfüllend. Das möchten wir weniger durch eine forcierte Lautstärke, sondern vielmehr durch eine Optimierung der Klangabstrahlung in Richtung Kirchenschiff durch einen besseren inneren Aufbau beider Orgeln, eine ausdrucksstarke, artikulierte Intonation und eine auf Klangklarheit orientierte Disposition erreichen.

Im Oktober 2016 reichten wir unsere detailliert ausgearbeitete Konzeption ein. Im Winter 2017 besichtigten wir mit Pfarrer Jakob Hofmann, Frau Annette Müller und Herrn Siegl verschiedene größere Orgeln unserer Werkstatt aus den vergangenen Jahren als Referenzarbeiten. Intensive, fruchtbringende Gespräche über viele Baudetails der neuen Orgel erwuchsen daraus. Mehrfach wurde unser Angebot überarbeitet. Anregungen der Persönlichkeiten aus Kunstkommission (Herr Alfred Böschl) und Denkmalpflege (Herren Dr. Nikolaus Könner, Dr. Michael Schmidt, Thomas Barthold, Jürgen Hörl) flossen ein, z.B. die zurückhaltendere Farbgebung des Chororgelgehäuses (Entwurf: Dr. Klaus-Jürgen Schöler, Dresden) oder die Konzentration der 8 Register mit Maerz-Pfeifen von 1898 in der Hauptorgel hinter „ihrem“ authentischen Gehäuse statt in der Chororgel, wo sie klanglich prägender sein könnten. Im Pfarrarchiv vorhandene Fotos der Orgel von 1898 bewogen uns, für die Prospektpfeifen die geschwungenen Linien der Pfeifenlabien nachzubauen (anstelle der geraden Linien der Pfeifenlabien von 1967). Sie machen das Orgelgehäuse plastischer und lebhafter. Nach 13 Monaten lag die Endversion der Orgelkonzeption vor und am 16.11.2017 konnte der Orgelbauvertrag in Straubing feierlich unterzeichnet werden.

 

Eule-Orgel St. Jakob, Streubing

 

I.: Hauptwerk (C-c′′′′)

Principal 16′
Principal major 8′
Principal minor 8′
Gamba 8′
Flute major 8′
Amorosa 8′ *
Octave 4′
Gemshorn 4′ *
Quinte 2 2/3′
Octave 2′
Mixtur maj. 5fach 2′
Cornett 2-5fach 2 2/3′
Trombone 16′
Trompete 8′

 

II.: Positiv – Oberwerk (C-c′′′′)

Quintatön 16′
Principal 8′
Doppelflöte 8′
Rohrflöte 8′ *
Unda maris 8′ ab c°
Salicional 8′
Octave 4′ *
Blockflöte 4′
Nassat 4′
Waldflöte 2 2/3′
Terz 2′
Quinte 2′
Sifflöte 2 2/3′
Mixtur minor 4fach 1 1/3′
Fagott 16′
Cromorne 8′
– Tremulant
– Celesta 37 Töne

 

III.: Récit – Orchestral (C-c′′′′)

Viola d‘ amour 16′
Geigenprincipal 8′
Viol d’ orchestre 8′
Violes célestes 8′
Flute harmonique 8′ ab c°
Geigenoctav 4′
Violine 4′
Flute octaviante 4′
Nazard harmon. 2 2/3′
Octavin 2′
Tierce harmon 1 3/5′
Progressio 3-5fach 2 2/3′ *
Violcornett 3fach 3 1/5′
Basson 16′
Trompette harm 8′
Hautbois 8′
Clairon harm. 4′
– Tremulant
– Celesta 37 Töne Transm. II

 

IV.: Echo-Schwellwerk (C-c′′′′)

Liebl. Gedackt 16′
Tibia 8′ *
Konzertflöte 8′
Zartgedackt 8′
Aeoline 8′ ab c°
Vox coelestis 4′
Salicet 4′ *
Flauto traverso 4′ *
Flautino 2 2/3′
Harmonia aetherea 2-3fach 2′
Oboe 8′
Voix humaine 8′
– Tremulant
– Celesta 37 Töne Transm. II

 

Fernpedal (C-g′)

Fernbaß 16′ Ext. Bourdon d. 8′

 

Pedal (C-g′)

Untersatz 32′ Ext.
Majorbaß 16′
– Principalbass 16′ Transm. I
Violon 16′
Subbaß 16′
– Harmonikabaß 16′ Transm. III
– Gedacktbaß 16′ Transm. IV
Octavbaß 8′
Violoncello 8′
Flötenbass 8′
Choralbass 4′
Mixtur 4fach 2 2/3′
Contraposaune 32′ Ext.
Posaune 16′
Trompete 8′
Clarine 4′

 

I.: Chor-Hauptwerk (C-c′′′′)

Salicional 16′
Praestant 8′
Biffara 8′ ab c°
Erzähler 8′
Octave 4′
Octave 2′
Mixtur 3fach 1 1/3′
Tuba mirabilis 8′

 

II.: Chor-Schwell (C-c′′′′)

Viola d’amour 8′
Fernflöte 8′
Gedackt 8′
Traversflöte 4′
Piccolo 2′
Cor anglais 8′
– Tremulant

 

Solo (Floating, in der HO, HD)

Melodia 8′
French Horn 8′ (im SW IV)
Clarinette 16′ Extens. aus 8′
Clarinette 8′
Tuba sonora 8′

 

Fernwerk (Floating)

Viola 8′
Vox angelica 8′ ab c°
Bourdon doux 8′
Vox humana 8′
– Tremolo

 

Chor-Pedal (C-g′)

– Salicionalbaß 16′ Transm. Subbaß 16′
– Salicetbass 8′ Transm. Sal.-b. 16′
Gedecktbaß 8′ Gedecktbaß 8′ Ext. Subbaß 16′
Tuba mirabilis 16′ Ext. Tuba mir. 8′

* mit Maerz-Pfeifen von 1898

 

Koppeln und Nebenregister:

10 Normalkoppeln II-I, III-I, IV-I, III-II, IV-II, IV-III, I-P, II-P, III-P, IV-P

(mechanisch, nur Koppeln zu IV elektr.)

Zuschalter Chororgel-HW, Chororgel-SW, Solowerk und Fernwerk an I, II, III, IV, P

15 Oktavkoppeln Super IV-IV, III-III, IV-I, III-I, III-P, ChorSW-ChorSW, Solo-Solo, FW-FW;

Sub IV-IV, IV-III, III-III, IV-I, III-I, ChorSW-ChorSW, FW-FW

4 Schwelltritte III, IV, ChorO, FernW/Clar. mit Koppler; Walze (mit 4 Programmen);

Setzeranlage separate Zuschalter Tuba sonora zu allen Klaviaturen, im P zusätzlich als 4′

 

Technische Date:

Zwei Hauptspieltische:

  • an der Hauptorgel mit mechanischer Spieltraktur für die Hauptorgel (Solo-, Chor- und Fernwerk elektrisch mit optoelektronischen Tastenkontakten)
  •  im Altarchorraum rein elektrisch (Oberteil elektrisch höhenverstellbar, Pedalklaviatur umstellbar c° unter c′ oder ds° unter ds′)
  • elektronische Stimmunterstützung
  • Schleifladen
  • Elektrische Registertrakturen, Datenübertragung über BUS-System
  • Symphonische Windanlage mit 16 Magazinbälgen, 4 Windmaschinen und differenzierten Winddrücken bis ca. 500 mmWS
  • 6.613 Pfeifen (Hauptorgel 5.351 – davon rund 450 Pfeifen in 8 Registern von Maerz 1898, Chororgel 1.018, Fernwerk 244) und 37 Klangplatten

 

Der Bau der neuen Orgel

 

Am 14.10.2018 begann nach einem Abschiedskonzert der Ausbau der Pfeifen der Hauptorgel. Unsere Orgelbauer holten die 8 historischen Register ab, die wiederverwendet werden sollen. Danach wurde die Hauptorgel ausgebaut. Ihr Material findet in einer anderen Kirche Wiederverwendung. Das leere Orgelgehäuse wurde fachgerecht zerlegt und zwischengelagert. Es folgte eine umfassende statische Ertüchtigung der Emporenbalken und die Erneuerung des Emporenbodens, um die große neue Orgel tragen zu können. Die Rückwand wurde renoviert, die Elektrik erneuert. Anhand von Spuren an den Seitenwänden konnte ermittelt werden, dass das erhaltene Orgelgehäuse von 1898 um 78 cm weiter vorn stand – es kehrte nun wieder an seine originale Position zurück und ist dadurch präsenter im Raum zu sehen. Auch dem Orgelklang kommt die vorgezogene Position zu Gute. Derweil diente die Chororgel mit ihrem separaten Spieltisch noch weiter als Interimsorgel.

Zeitgleich begannen 2018 in der Orgelbauwerkstatt in Bautzen die umfangreichen Planungsarbeiten: die Detailkonstruktion der technischen Anlage und die Maßtabellen für die Pfeifen (Mensuren) wurden entwickelt. Details der Spieltischgestaltung u.a. wurden permanent mit Frau Müller und Herrn Siegl weiterentwickelt. Einige zurückgestellte Register und Technik konnten nachbeauftragt werden. In zahlreichen Treffen vor Ort in Straubing wurden alle Details des Bauablaufes diskutiert. Ende 2018 begann der Bau der verschiedenen Orgelteile in den einzelnen Werkstätten: Tischlerei, Pfeifenbau, Spieltischbau, Windladenwerkstatt… Ein Gemeindeausflug führte rund 40 Interessenten Ende April 2019 nach Bautzen in unsere Werkstatt. Im Frühjahr und Sommer 2019 konnten Teile der Orgel in Bautzen vormontiert werden. Am 5.8.2019 war es soweit: der erste Lastkraftwagen brachte den ersten Teil der Orgel. Zuvor war ein großes Gerüst mit Lastenaufzug errichtet worden, das den Transport der Teile auf die Empore und von dort in das Innere der Orgel ermöglichte. Der hintere Teil des Kirchenschiffes diente als Orgelteilelager; die gesamte Orgelempore hingegen war als Orgelbauwerkstatt eingerichtet.

In monatelanger Arbeit errichtete das Montageteam die gesamte Technik der Hauptorgel. Eigens für die beiden großen Spieltische und Straubing entschieden wir uns, in Kooperation mit sächsischen Spezialfirmen (Fa. Wagenknecht aus Ebersbach-Neugersdorf und Fa. IMM aus Mittweida) eigene Magneten für die Registerwippen zu entwickeln, um die Schaltungen der rund 130 Wippen an jedem der Spieltische zuverlässig und gleichmäßig zu gewährleisten. Das brachte den gewünschten Erfolg – aber auch entsprechenden Zeitverzug, der eine Verschiebung der Orgelweihe nötig machte. Erst im Februar 2020 konnten unsere Intonateure mit der Klanggebung für jede einzelne Pfeife beginnen. Register für Register wurden nun in die Orgel eingebaut.

Der Bau der Chororgel samt Fernwerk war in einem 2. Bauabschnitt vorgesehen, der nun aber teils parallel zur Hauptorgel ablief. Ab Mitte 2019 wurde konstruiert, ab Herbst wurden die Teile gefertigt, im April 2020 die Orgel im Saal in der Bautzener Werkstatt vormontiert. Ab 4.5.2020 begann ihr Aufbau in Straubing, nachdem die alte Chororgel im Januar 2020 abgebaut und die Orgelkammer renoviert worden war.  Ein hohes, turmartiges Gerüst reichte bis fast zur Decke, um das hochaufragende schlanke Orgelgehäuse auf dem kleinen Balkon montieren und farblich fassen zu können.

Am 19.7.2020 war es soweit: Pfarrer Jakob Hofmann konnte die Hauptorgel einsegnen, und ihre ersten Klänge ertönten in St. Jakob. Doch danach liefen die Arbeiten unvermindert weiter: Beide Spieltische wurden fertiggestellt, anschließend wurden Chororgel und Fernwerk intoniert. Den krönenden Abschluss setzten im Oktober 2020 die großen Soloregister in der Hauptorgel: Die majestätische Tuba sonora und die liebliche Celesta.

Am 23.10.2020 konnte die gesamte Orgelanlage abgenommen werden. Gerhard Siegl als Orgelsachverständiger hatte bereits während des Orgelbaus regelmäßig die fertiggestellten Abschnitte geprüft und untersucht – ebenso Annette Müller als Kirchenmusikerin.

 

Der Aufbau der neuen Orgel

 

Die Technik der neuen Orgel

 

Die Klänge der neuen Eule-Orgel

 

 

Alle Bildrechte gehören dem

Hermann Eule Orgelbau.

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