Oldenburg in Holstein, Ev. Johanneskirche

NeubauOldenburg in Holstein, Ev. Johanneskirche

Erbaut 2018, Hermann Eule Orgelbau- opus 690, II + P/29

  • Oldenburg
  • - 2018
  • Neubau

Der lange Weg der Orgel

Beim Betritt der Ev. Johanneskirche in Oldenburg i.H. Anfang Mai 2013 bot sich ein angenehm überraschender Anblick eines gediegen ausgestatteten, weiten, altehrwürdigen Kirchenbaus. Besonders fiel der reiche barocke Altar und die Kanzel ins Auge. Jedoch weniger angenehm anzusehen war hingegen eine Orgelanlage von 1959- breit, zergliedert in verschiedene Teile, nicht wirklich miteinander harmonisierend- oben auf der Empore.

Das Mittelgehäuse enthielt noch Teile der Vorgängerorgel der berühmten dänischen Orgelbaufirma Marcussen aus dem Jahr 1867 – abgesägt, gekürzt, im nüchtern-sachlichen Stil der 1950er Jahre umgestaltet.  Doch auch Seiten- und Rückwände waren noch von dieser Orgel erhalten, auch die Rückwand des Balghauses – und sogar die rechte Registerstaffel des Marcussen- Spielschranks. Unter dem Pfeifenwerk fanden sich in 10 Registern alte Pfeifen, überwiegend bis zur Unkenntlichkeit umgebaut und oft nur rudimentär, aber immerhin 4 Register, die noch weitgehend vollzählig und mit Spuren des originalen Klanges erhalten waren. Einst hatte diese hochromantische Orgel üppige 27 Register mit der damals modernen Technik für das Spiel romantisch-symphonischer Orgelmusik: einem Schwellwerk, Collectivzügen für das Pedal und 5 großvolumigen Kastenbälgen.

Nach dem Ende 2013 schon der Vorvertrag abgeschlossen werden konnte, folgten Jahre intensiver Planungen und Besprechungen.

Für die Gehäusegestaltung wurde letztendlich der Oldenburger Architekt Klaus Dörnen gewonnen. Er gestaltete – ausgehend von den erhaltenen Teilen von 1867 – die fehlenden Teile neu. Sie fügen sich sensibel der alten Substanz an und bilden in ihrer Gliederung eine Reminiszenz an das einstige Gehäuse von 1867 – aber sie sind in ihrer schlichten Formensprache auch deutlich als neue Zutat aus unserer Zeit erkennbar und versuchen nicht, ein historisches Original vorzutäuschen. Die Farbfassung und Vergoldung übernahm der auf Restaurierungen spezialisierte Malerbetrieb Rentsch & Weinrich aus Neschwitz bei Bautzen.

Zu Jahresanfang begannen die Werkstattarbeiten und Anfang Oktober war es dann soweit: alle Teile wurden für den Transport zerlegt und verpackt und die Orgel ging auf weite Reise quer durch Deutschland. In der Kirche begann am 8.10.2018 unser Montageteam mit dem Aufbau der Orgel. Bis zu 5 Orgelbauer bauten in 4 Wochen das Gehäuse und die gesamte technische Anlage auf.

 

Eule-Orgel Oldenburg

 

I. Hauptwerk (C-g′′′)

Bordun 16′
Principal 8′
Viola di Gamba 8′
Flöte 8′
Octave 4′
Flöte 4′ *
Quinte 2 2/3′
Octave 2′
Mixtur 4fach 2′
Cornett 2-4fach 2 2/3′
Trompete 8′

 

II. Schwellwerk (C-g′′′)

Violprincipal 8′
Gedackt 8′ *
Salicional 8′
Vox angelica 8′ ab c°
Principal 4′
Traversflöte 4′
Nasard 2 2/3′
Piccolo 2′
Terz 1 3/5′
Mixtur 5fach 2′
Oboe 8′
– Tremulant

 

Pedal (C-f′)

Violon 16′
Subbaß 16′ *
Octave 8′
Gedackt 8′
Octave 4′
Posaune 16′
Trompete 8′

* Marcussen 1867

 

Nebenregister:

  • 3 Normalkoppeln
  • Sub II/II, Sub II/I
  • Schwelltritt
  • Setzeranlage
  • Vox strigis

 

Technische Anlage:

  • symphonisches Windsystem
  • mit 3 Doppelfalten-Magazinbälgen und 1 Vorbalg
  • Schleifladen, mech. Spiel- und elektr. Registertraktur
  • a‘ = 440 Hz bei 15°C gleichschwebend

 

Aufbau und Funktion der Eule-Orgel

 

Wie bereits die Marcussen-Orgel von 1867, erhält unsere neue Orgel einen Spielschrank an der historischen Stelle. Er ermöglicht eine platzgünstige Sitzposition des Organisten und lässt vor allem die Anlage mit einer sehr direkten Spieltraktur mit zweiarmigen Tastenhebeln zu. Solche Instrumente zeichnen sich durch eine sehr direkte, sensible und anschlagsfreudige Traktur (Spielweise) aus. Die Trakturen verzichten dennoch nicht auf moderne Technik, die für die Klimastabilisierung nötig ist, und sind selbstspannend eingerichtet. Das Design des Spielschranks mit den gedrechselten Registerknöpfen folgt der generellen Gestaltung historischer Orgeln, wie sie schon die Marcussen-Orgel besaß, verbirgt aber nicht, dass es eine neue Orgel des 21. Jahrhunderts ist, die auch Elektronik und Elektrik zur Erweiterung des Spielkomforts nutzt.

Der innere Aufbau der Orgel musste zum Einen den begrenzten Platz optimal ausnutzen, zum Anderen eine gute Klangentfaltung aller Pfeifen gewährleisten – und natürlich auch eine gute Zugänglichkeit zum Stimmen und Warten. Im Inneren ist die Orgel in zwei Höhenebenen unterteilt. Im Untergehäuse hinter dem Spieltisch folgt die mechanische Spielanlage der Orgel: Abstrakten (Zugdrähte), Wellen und Winkel stellen die Verbindung zwischen den Tasten und den Luftventilen in der Orgel her. Sie sind bis zu 5 Meter lang. Absolute Präzisionsarbeit unseres Konstrukteurs und der Orgelbautechniker ist nötig, damit alles präzise und leichtgängig funktioniert – immerhin muss man auch mit dem kleinen Finger die gesamte Mechanik in Bewegung setzen können. Viele Tausend Einzelteile sind hier eingebaut – wohlgeordnet und gegliedert. Laufböden ermöglichen den Zugang für Wartungen und Regulierungen.

In der oberen Ebene, direkt hinter dem Prospekt oberhalb des Spielschranks, steht das Hauptwerk. Es ist das klanglich führende Teilwerk der Orgel, spielbar vom I. Manual, und kann von dieser exponierten Stelle sich besonders gut im Raum entfalten. Dahinter folgt das II. Manual, das Schwellwerk. Es steht etwas erhöht, damit sich sein Klang über den des Hauptwerks hinweg in die Kirche ausbreiten kann. Alle seine Pfeifen sind in einem großen Kasten aus 5 cm starken Massivholz eingebaut (auch die Marcussen-Orgel hatte bereits ein solches Schwellwerk – nur sehr viel kleiner), der an der Vorderseite Jalousien besitzt. Diese können mit einem Tritt am Spieltisch geöffnet und geschlossen werden – der Klang kann dadurch dynamisch variiert werden – vom ätherisch verhauchenden Pianissimo bis zum prächtigen Forte. Das Schwellwerk ist sehr vielseitig: es hat viele farbige Soloklangfarben, sanfte Begleitstimmen, helle, glitzernde Klänge für barocke Musik, aber auch ein feurig-leidenschaftliches volles Werk für romantisch-symphonische Musik. Ein Tremulant gibt den Soloklangfarben ein Vibrato. Das Pedalwerk benötigt besonders viel Platz, denn es enthält die größten Pfeifen der Orgel, die bis zu 5 Meter lang sind. Diese sind deshalb an den Außenseiten im Gehäuseinneren platziert:

 

Alle Bildrechte gehören dem

Hermann Eule Orgelbau.