Nidda, Ev. Stadtkirche

NeubauNidda, Ev. Stadtkirche

Erbaut 2017/2018, Hermann Eule Orgelbau - opus 688, II + P/24 + 3 Vorabzüge + 4 Transmissionen

  • Nidda
  • 2017 - 2018
  • Neubau

 

Anlässlich des 400-jährigen Bestehens der Niddaer Stadtkirche entschied sich die Gemeinde dazu, eine neue Orgel für die Stadtkirche vom Hermann Eule Orgelbau Bautzen anfertigen zu lassen. Pünktlich nun ist sie fertig geworden und kann die Gemeindemitglieder Niddas mit ihrem reichen Klang erfreuen. Die Einweihung fand am 29.04.2018 statt.

Ein elegantes, aber kleines Rokoko-Gehäuse von Johann Andreas Heinemann aus Gießen von 1781 war jene historische Substanz, die unserem Orgelneubau die Prägung gab: eine Orgel im Stil des mitteldeutschen Spätbarocks. Aber es sollte keine Kopie einer barocken Orgel entstehen, sondern eine neue Orgel nach dem Prinzip: Wie hätten wir selbst als Orgelbauer um 1750 mitten in Hessen eine neue Orgel gestaltet? Unsere Inspiration waren die vielen von uns restaurierten Orgeln von Heinrich Gottfried Trost, Zacharias Hildebrandt, natürlich Gottfried Silbermann, aber auch die großen Barockorgeln in Duderstadt und in Borgentreich.

Die neue Orgel strahlt in den silbrigen Plena, die auf den singenden, sonoren Principalen der Silbermannschule basieren; die farbenreichen Aliquoten versprühen Spielfreude und Vielseitigkeit; die ausdrucksstarken, durchweg individuell intonierten Flöten und charmanten Streicher verleihen eine fast frühromantische Grundtönigkeit; die charaktervollen Zungen krönen den Klang als Solisten und im vollen Werk.

Rein mechanisch traktierte Schleifladen und eine Windversorgung durch 2 Keilbälge ermöglichen authentisches Spielgefühl. Die klassisch gestaltete, aber modern ausgestattete Spielanlage öffnet die Orgel auch für Musik der Romantik und unserer Zeit.

 

 

„Dass wir nun eine neue Orgel einweihen können, ist Zeugnis der Lebendigkeit unserer Kirchgemeinde. Eine große Gemeinschaftsaufgabe war zu meistern, von den ersten Ideen, über die Planung, bis zur Beschaffung der Mittel für diese außergewöhnliche Investition. […]

Allen sei hier herzlich Gedankt. Die neue Orgel ist Beweis dafür, dass Gemeinschaftssinn und Wagemut bleibende Werke schaffen können. Die neue Orgel möge helfen, Brücken zu schlagen zwischen der Kirche und den Menschen.“

 

Ulrike Humbroich, Stellvertretende Vorsitzende des Kirchenvorstandes

Eule-Orgel Nidda

 

I. Hauptwerk (C-g′′′)

Principal 8′
Viola di Gamba 8′
Hohlflöth 8′
Unda maris 8′ ab c°
Octava 4′
Spitzflöth 4′
Quinta 3′ Vorabzug
Superoctava 2′
Cornett 2-4fach 2 2/3′
Mixtur 4fach 2′
Trompete 8′

 

II. Positiv (C-g′′′)

Flauto traverso 8′ (C-H nach L.G. 8′)
Liebl. Gedackt 8′
Salicional 8′
Quintatön 8′
Geigenprincipal 4′
Flaut douce 4′
Nassat 3′
Waldflöth 2′
Tertia 1 3/5′
Sifflöth 1′ VA (rep. cs′′′ 2′)
Cymbel 3fach 1′
Fagott 16′
Vox humana 8′
Tremulant

 

Pedal (C-f)

Subbass 16′
Octavbass 8′
Gambenbass 8′ Transmission
Flautbass 8′ Transmission
Octave 4′ Transmission
Posaunenbass 16′
Trompetenbass  8′ Transmission

 

Nebenregister:

  • 3 Normalkoppeln
  • Cymbelstern (8 Glocken)
  • Vox strigis (Eule mit Pfeife)
  • Motor (mit Licht)
  • 1669 Pfeifen (14 stumm)

 

24 Register + 3 Vorabzüge + 4 Transmissionen; mechanische Schleifladen; 2 Keilbälge

 

Gravität und Grazie des Barock: Gedanken zur neuen Orgel der Ev. Stadtkirche Nidda

Auszug aus: „400 Jahre evangelisch-lutherische Stadtkirche Nidda. Festschrift“

Fast 6 Jahre sind vergangen seit unserem ersten Besuch in der schönen Niddaer Stadtkirche im Juli 2012. Eine angenehme Überraschung war der weite, in gediegener, aber reicher Renaissance einheitlich gestaltete Kirchenraum mit seiner klaren und direkten Akustik. Auf der Empore stand das elegante kleine Rokoko-Gehäuse von Johann Andreas Heinemann (1717-1798) aus Gießen von 1781, von dem leider weder eine Pfeife noch etwas von der Technik erhalten blieb. Der einzige Wermutstropfen war der sehr beengte Platz in der damaligen Orgel von 1961 und auch auf der Empore vor der Orgel, der nur geringen Spielraum für eine Erweiterung bot.

Ursprünglich stand in diesem Gehäuse eine einmanualige Orgel mit 14 oder 15 Registern, basiert auf dem Principal 4′ im Prospekt – für die Größe der Stadtkirche keineswegs ein überragend großes Instrument. Details sind nicht überliefert. 1936 baute die Orgelbaufirma Förster & Nicolaus aus Lich eine neue Orgel mit 21 Registern hinter das Gehäuse, das bereits 1928 auf einer neuen Empore hinter dem Altar aufgestellt wurde. 1961 wurde die Orgel an den heutigen, beengten Standort versetzt und das Orgelwerk nochmals von der Erbauerfirma im Stil und Material der Zeit erneuert. Mit 18 Registern auf 2 Manualen und Pedal reizte die Orgel den verfügbaren Platz maximal aus – manche Teile waren seitdem nur noch schlecht zugänglich. In ihrem hellen, schlanken Klang entsprach die Orgel dem damaligen Ideal norddeutscher Barockorgeln, konnte aber die gewünschte Fülle, Tragfähigkeit und Klangfarbigkeit für die große Kirche nur teilweise ausfüllen.

Die Idee der Ausschreibung, die der Orgelsachverständige Thomas Wilhelm ausgearbeitet hatte, war eine neue Orgel, deren klangliches Vorbild die Orgeln Heinemanns um 1780 sein sollten. Dabei war keine Kopie einer erhaltenen Orgel angedacht und schon gar nicht ein Rekonstruktionsversuch, sondern bewusst ein freier, schöpferischer Neubau im Stile einer damaligen Orgel – mit der Freiheit, auch über Heinemann und seine hessischen Orgelbauer-Zeitgenossen hinauszugehen, Vorbilder aus dem mitteldeutsch-thüringischen Raum einzubringen und durchaus auch Raum zu lassen für individuelle Wünsche und Anforderungen unserer Zeit.

 Genau dies war für uns eine besonders reizvolle Aufgabe. In den vergangenen Jahren hatte unsere Werkstatt zahlreiche barocke Orgeln des Thüringer Orgelbauers Heinrich Gottfried Trost (1673-1759), des in Sachsen-Anhalt tätigen Silbermann-Schülers Zacharias Hildebrandt (1688 – 1757) restaurieren dürfen, und dazu zwei der bedeutendsten großen Barockorgeln Mitteldeutschlands in Duderstadt von Johannes Creuzburg 1735 erbaut (43 Register) und in Borgentreich, hauptsächlich 1710 von Johann Jacob John geschaffen (45 Register).

Die reichhaltige Farbigkeit der barocken Klänge und Bauformen bot uns eine Fülle an Inspirationen für die Klangvision der neuen Orgel in der Ev. Stadtkirche in Nidda. Kern war dabei jedoch stets eine Orgel, die Bezug nimmt zu J. A. Heinemann und damit die klangliche und technische Harmonie herstellt mit dem erhaltenen Gehäuse von 1781. Für den Hörer sollte die neue Orgel klanglich und spieltechnisch dem entsprechen, was das Gehäuse ihm optisch ankündigte: Eine Orgel im spätbarocken mitteldeutsch-hessischen Klangstil um 1780.

Unsere Orgel soll jene Positiva erfüllen, die Johann Friedrich Agricola als „ächter Orgelkenner“ der Barockzeit über die Gottfried Silbermanns Orgeln gesprochen hat:

  1. „Sauberkeit, Güte und Dauerhaftigkeit, der Materialien sowol als der Arbeit“
  2. „Simplicität der inneren Anlage“
  3. „… prächtige und volle Intonation“
  4. „… leicht und bequem zu spielenden Claviere.“

Jiří Kocourek, Künstlerischer Berater Hermann Eule Orgelbau

 

Alle Bildrechte gehören

dem Hermann Eule Orgelbau.

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