Brehna Wäldner-Orgel

RestaurationBrehna Wäldner-Orgel

Erbaut 1835, Friedrich Wilhelm Wäldner // Restauriert 2014-2015/2016

  • Brehna
  • 2014 - 2015/2016
  • Restauration

 

Die Orgel wurde 1835 von dem Hallenser Orgelbauer Friedrich Wilhelm Wäldner (1785 – 1852)
erbaut. Es ist nach der derzeit nicht mehr spielbaren Hallenser Domorgel sein größtes und original
erhaltenes Werk und ein bedeutendes Beispiel des frühromantischen Orgelbaus in Mitteldeutschland. Prägend sind ein silbriger, noch barocker Principalchor in beiden Manualen, zahlreiche sehr schöne Flötenstimmen (meist aus Holz), mehrere charaktervolle Streicher, das markige Cornett
und die sehr individuellen Zungenstimmen in Wäldnerscher Bauart. Besonders schön lassen sich
Kompositionen von Mendelssohn, Schumann und Zeitgenossen darstellen, aber auch spätere
Komponisten sowie alle Komponisten des 18. Jahrhunderts klingen sehr gut.
Nach einer ersten Generalüberholung 1888 durch Rühlmann verlor die Orgel 1917 ihre Prospektpfeifen. Nach dem II. Weltkrieg verunstaltete sie ein unbekannter Orgelbauer: Mehrere Register
wurden entfernt, andere durch fremde Gebrauchtpfeifen ersetzt, der Prospekt mit Holzlatten vernagelt. Seit 1960 völlig ohne Pflege, wurde die Orgel zunehmend unspielbar.
Ab November 2014 erfolgte Dank der Initiative von Herrn Bernd Löchel (Gemeindekirchenrat
Brehna) und einer außergewöhnlich großzügigen Spende von Herrn Wilfried Wilhelm Anclam (Autowelt Brehna) eine umfassende, denkmalgerechte Restaurierung durch Eule Orgelbau Bautzen.
Alle fehlenden Teile wurden nach erhaltenen Originalteilen sowie zwei Vergleichsorgeln restauriert
bzw. rekonstruiert und konsequent in den Ursprungszustand von 1835 zurückgeführt. Das Gehäuse erhielt seine ursprüngliche weiße Farbfassung; die fehlenden Schleierbretter wurden rekonstruiert durch Restauratorin Kerstin Klein aus Halle. Die Wiedereinweihung fand am 8. November 2015
statt – 180 Jahre nach der Erstweihe. Im Oktober 2016 konnte nachträglich noch ein zweiter Keilbalg restauriert und an die Windversorgung angeschlossen werden.
Die Orgel hat rein mechanische Schleifladen. Sie hat 4 Keilbälge, davon sind 2 restauriert und an
ein neues Gebläse angeschlossen. Insgesamt gibt es 22 Register mit 1341 Pfeifen (davon 843 aus
Metall klingend, 19 stumm im Prospekt, 403 aus Holz, 76 Zungen).

 

Wäldner-Orgel Brehna

 

I. Manual (Hauptwerk) C – d′′′

1. Principal 8′
2. Bourdon 16′
3. Hohlfloete 8′
4. Viola di Gamba 8′
5. Gemshorn 8′
6. Octave 4′
7. Gedackt 4′
8. Qctave 2′
9. Octav 2′
10. Mixtur 4fach 5 1/3′
11. Trompete 8′

 

II. Manual (Oberwerk) C – d′′′

1. Flauto traverso 8′
2. Rohrloete 8′
3. Gedackt 8′
4. Principal 4′
5. Flauto amabile 4′
6. Spitzfloete 2′
7. Mixtur 3fach
8. Cornet 4fach

 

Pedal C – c′

1. Violon 16′
2. Subbaß 16′
3. Violon Cello 8′
4. Posaune 16′

 

Nebenregister:

  • Ventil zum Hauptwerk
  • Ventil zum Oberwerk
  • Ventil zum Pedal
  • Manual-Schiebekoppel
  • Coppel zum Pedal
  • Calcantenklingel
  • Vacat – jetzt Motor- und Lichtschalter

 

Die Restaurierung 2014-2015 durch Hermann Eule-Orgelbau Bautzen

 

Nach dem Ausbau der Orgel im November 2014 wurden alle Bauteile inklusive der vielen hundert Holz- und Metallpfeifen gereinigt und repariert. Vor allem die besonders stark wurmzerfressenen Holzpfeifen mussten für die geplante Rückführung der Disposition (Register der Orgel) vor deren Restaurierung den ursprünglichen Registern (Stimmen) zugeordnet werden, was bewirkte, dass wir von fast allen 2014 noch fehlenden Registern mindestens je eine Pfeife in anderen Registern vorgefunden wieder richtig zuordnen konnten. Dadurch konnte die Bauform fehlender Stimmen zweifelsfrei belegt werden.

Schwieriger gestaltete sich die Suche nach einem Vergleichsregister für die Posaune 16′, da anhand der historischen Dokumente die Bauform, durchschlagend oder aufschlagend, nicht belegt war. Vergleiche mit den Posaunen 16′ in Höhnstedt (aufschlagend) und Unterfarnstädt (durchschlagend) und den wenigen Hinweisen, die uns die originalen Pfeifenstöcke boten, entschieden wir uns für den Nachbau der Höhnstedter Posaune. Lediglich flächig ausgearbeitete Stiefelausklinkungen wären ein Hinweis für eine durchschlagende Posaune gewesen. Die Bauweise der fehlenden Becher der Trompete 8′ im Hauptwerk konnte anhand der Becher in Unterfarnstädt rekonstruiert werden. Die Prospektpfeifen, die Pfeifen in der Orgelansicht, konnten anhand der glücklicherweise erhaltenen originalen Prospektpfeifen der Orgel in Höhnstedt unter Anpassung an die Gegebenheiten in Brehna rekonstruiert werden. Besonders wertvoll waren die Maße für die Fußlängen (Labienablauf), die Labienhöhen und die Lage der Stimmvorrichtungen (tiefe breite Einschnitte bis zum Stimmlappen) im Bereich der Pfeifenanhängungen. Für die Rekonstruktion der fehlenden Register wurden zusätzlich die beiden genannten Vergleichsinstrumente untersucht und Maße abgenommen. So wurde ein Großteil des Registers Flauto traverse 8′, bis auf je eine Pfeife das gesamte Register Gedackt 8′ und Violon Cello 8′ und viele Einzelpfeifen rekonstruiert.

Die Windladen, das Herzstück einer jeden Orgel und Verteiler des Orgelwindes auf die entsprechenden Pfeifen, waren aufgrund vielfacher Risse und Ablösungen nicht mehr funktionsfähig und mussten akribisch instandgesetzt werden. Dabei wurden alle Lederdichtungen, teilweise durch Wassereinbruch verformt, und stark korrodierte Metallteile ersetzt, Risse ausgespänt und Dichtungsflächen wieder geebnet (abgerichtet).

Die Klaviaturen wurden repariert und die verbrauchten Leder und Tücher erneuert. Dabei mussten auch sämtliche Tastenlager überarbeitet werden. Einzelne fehlende Porzellanschilder der Registerzüge sind anhand der vorhandenen Registerschilder rekonstruiert worden.

Das Orgelgehäuse wurde stabilisiert, das Lattengerüst im Prospekt entfernt und die fehlenden Leitern ergänzt.

Die Trakturen (Zugverbindungen zwischen dem Spieltisch und der Windlade für die Tasten- und die Registerbetätigung) waren zum Teil stark vom Holzwurm zerfressen bzw. korrodiert. So mussten die Winkelleisten neu geachst, teilweise Bohrungen mit Holz verschlossen und in kleinerem Durchmesser neu gebohrt werden. Die Drähte der Abstrakten (dünne Holzleisten zur mechanischen Kraftübertragung der Tastenbewegung) wurden zum Großteil erneuert. Viele Ärmchen der Wellenbretter (für die seitliche Kraftübertragung der Tonmechanik) waren gebrochen oder in andersartigem Material nachgebaut und wurden rekonstruiert.

Die Windversorgung der Orgel war in ihren vielen Lederverbindungen stark beschädigt, einer der beiden originalen Keilbälge wurde vollständig neu mit Schaf- und Ziegenleder eingebunden. Wurmbeschädigte Teile der Windanlage wurden wieder abgedichtet und die Oberfläche zum Schutz vor Austrocknung neu mit Papier beleimt. Die Orgel erhielt ein neues, in einem Motorkasten eingehaustes leises Schleudergebläse zur Windversorgung.

Zum Abschluss der Arbeiten wurde das gesamte Pfeifenwerk von 1381 klingenden Holz-, Metall- und Zungenpfeifen intoniert (klangcharakteristisch aufeinander abgestimmt) und gestimmt. Der Orgelklang wird durch 888 klingende Metallpfeifen (einzelne Metallpfeifen im Prospekt sind stumm), 417 Holzpfeifen und 76 Zungenpfeifen erzeugt.

 

Alle Bildrechte gehören

dem Hermann Eule Orgelbau.

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