Belgorod, Philharmonie

NeubauBelgorod, Philharmonie

Erbaut 2011, Hermann Eule Orgelbau - opus 669, II + P/39 (davon 5 Extensionen) www.bgf.rs/en

  • - 2011
  • Neubau

 

Im Februar 2010 entstand die Konzeption und der Gehäuseentwurf für die neue Orgel der Philharmonie Belgorods. Am 24.3.2010 fand das erste gemeinsame Gespräch in der Baustelle des neuen Konzertsaals in Belgorod statt. In vielen weiteren Besprechungen mit dem Künstlerischen Direktor der Philharmonie, Herrn Iwan Grigorjewitsch Trunow, wurde die endgültige Gestaltung der Orgel und die bauliche Umsetzung geplant. Im August 2010 konnte der Vertrag für den Bau unterzeichnet werden.

Danach begannen die Konstruktion der Orgel und der Bau der Pfeifen und Teile. Im Sommer 2011 wurde die Orgel im Montagesaal in Bautzen aufgebaut. Während dieser Zeit wurden die künftigen Orgelpfleger aus Belgorod Wladimir Krotov und Ilja Grashchenko in unserer Werkstatt eingewiesen und halfen beim Aufbau der Belgoroder Orgel mit. Am 23.8.2011 konnte die Orgel in Bautzen von Prof. Daniel Zaretsky, St. Petersburg, und Direktor Iwan Trunow aus Belgorod begutachtet werden. Anfang September 2011 war es dann soweit: die Orgelteile wurden in unzählige Kisten verpackt, mit zwei großen Lastkraftwagen nach Belgorod transportiert und am 13.9.2011 angeliefert. In den folgenden 5 Wochen waren 5 Orgelbauer unserer Werkstatt gemeinsam mit den künftigen Orgelpflegern mit dem Aufbau der gesamten Technik der Orgel beschäftigt. Danach gingen unsere Intonateure Matthias Ullmann und Dirk Pfeifer ans Werk – Register für Register wurde eingebaut und ihm seine endgültige Klangfarbe gegeben, immer in Anpassung an den Raumklang und Zusammenklang mit den übrigen Registern. Jede einzelne der 2.476 klingenden Pfeifen erhielt dabei ihren richtigen Klang und die Orgel ihre klingende Seele. Zum Abschluss erfolgte eine Generalstimmung.

Den schwungvollen, grandiosen Prospekt der Orgel hat der deutsche Orgelarchitekt Burkhardt Goethe aus Schwäbisch Hall entworfen, mit dem wir seit 20 Jahren zusammenarbeiten. Er hat eine Gestaltung entworfen, die einerseits festlich und brillant wirkt, andererseits mit ihren geschwungenen Linien Bezug auf die Architektur des Raumes nimmt und ihn als zentrales Ausstattungsstück bereichert.  Die Vergoldungen geben der Orgel den Akzent, den sie als „Königin der Instrumente“ verdient.

Die Eule-Orgel in Belgorod versteht sich nicht als historisierende Stilkopie, sondern eine neue Orgel aus unserer Zeit. Sie soll besonders geeignet sein für die Musik vom Barock über die Romantik bis zur Gegenwart, und dies nicht nur für Musik aus dem deutschen Kulturraum, sondern auch für den reichhaltigen Fundus an europäischer, vor allem französischer Orgelmusik. Zugleich soll sie aber eine Orgel sein, die als Begleitinstrument von Solkisten, Chören und Ensembles sowie als Soloinstrument zusammen mit Orchestern dienen kann.

 

Eule-Orgel Belgrorod, Russland

 

I. Hauptwerk (C-c′′′′)

Bordun 16′
Principal 8′
Viola di Gamba 8′
Hohlflöte 8′
Rohrflöte 8′
Octave 4′
Spitzflöte 4′
Quinte 2 2/3′
Superoctave 2′
Mixtur 4fach 1 1/3′
Cornett 2-5fach 2′
Trompete 8′
– Tremulant

 

II. Schwellwerk (C-c′′′′)

Viola d’amour 16′
Geigenprincipal 8′
Flute harmonique 8′
Cor de nuit 8′
Salicional 8′
Vox coelestis 8′ ab c°
Fugara 4′
Flaut douce 4′
Nasard 2 2/3′
Waldflöte 2′
Terz 1 3/5′
Sifflöte 1 1/3′
Progressio 2-4fach 1 1/3′
Trompette harmon. 8′
Oboe 8′
Vox humana 8′
– Tremulant

 

Pedal (C-g′)

Untersatz 32′
Principalbaß 16′
Subbaß 16′ Extension
Violon 16′
Octavbaß 8′
Cellobaß 8′ Extension
Flötenbass 8′ Extension
Octave 4′ Extension
Posaunenbaß 16′
Trompetenbaß 8′
Claironbaß 4′ Extension

 

Nebenregister:

  • 3 Normalkoppeln (mechanisch)
  • 5 Oktavkoppeln Super II-II, II-I, II-P und Sub II-II, II-I (elektrisch)
  • Schwelltritt II
  • Walze mit 4 Einstellungen, davon 3 frei programmierbar, Crescendo an/ab
  • Pleno 1, Pleno 2, Tutti, Zungen ab
  • Setzeranlage mit 10.000 Kombinationen, Digitalanzeige, Speichermedium USB
  • a′ = 442 Hz bei 18° C, gleichschwebend

 

Technik:

  • Schleifladen mit mechanischer Spiel- und elektrischer Registertraktur
  • 2.476 Pfeifen
  • Symphonische Windanlage: 3 Doppelfaltenmagazinbälge für jedes Werk, 1 Vorbalg

 

Eigenschaften

 

Als „Königin der Instrumente“ hat Mozart die Orgel bezeichnet. Nun hat sie ihren erhabenen Thron auf der Bühne des neuen Orgel- und Kammermusiksaales eingenommen. Majestätisch erscheint der Prospekt mit dem 16füßigen Principal – nur wirklich große Orgeln haben eine derart imposante Pfeifenbesetzung.  Mit ihren 39 Registern (Klangfarben) ist die Belgoroder Eule-Orgel bereits eine große Orgel, auf der auch große symphonische Orgelmusik darstellbar ist. Die Register sind verteilt auf 2 Manual- und eine Pedalklaviatur. Diese können wiederum mit 8 Koppeln vielfältig miteinander kombiniert und verbunden werden. Die 1.120 Pfeifen des II. Manuals stehen in einem Schwellkasten mit Jalousien, die vom Spieltisch aus geöffnet werden können, um den Klang fließend in ihrer Lautstärke zu variieren. Dadurch ergibt sich ein außergewöhnlich vielseitiger, dynamischer und reichhaltiger Klangapparat, der die neue Orgel zu einem herausragenden Instrument in Russland macht.

Auch Königinnen können regiert werden. Der neue Spieltisch ist im klassischen Design mit gedrechselten Registerzügen und Porzellanschildchen gestaltet, beinhaltet aber zugleich alles an moderner Technik und Elektronik,  was dem Organisten die Beherrschung all der Klangmöglichkeiten erleichtert. Die Orgelbank ist höhenverstellbar – jeder Organist kann sie so an seine Körpermaße anpassen. Ein Balanciertritt steuert die Jalousien des Schwellkastens. Eine Walze ermöglicht das Nacheinanderschalten aller Register in einer dynamischen Abfolge vom leisesten pianissimo bis zum majestätisch-kraftvollen Tutti. Eine Setzeranlage ermöglicht es, 10.000 Registerkombinationen einzuspeichern und per Knopfdruck abzurufen. Gastorganisten können sie auf Chipkarte speichern. Wenn die Orgel nicht benutzt wird, kann die Pedalklaviatur eingeklappt und der Spielschrank verschlossen werden.

Während die Einschaltung der Register (der verschiedenen Klangfarben) elektrisch erfolgt, sind alle Verbindungen zwischen den Tasten und den Luftventilen für die jeweiligen Töne rein mechanisch – eine Bauweise, die sich im Orgelbau in vielen Jahrhunderten als die optimalste durchgesetzt hat. Die teils viele Meter langen Verbindungen, die durch die ganze Orgel laufen, so präzise und leichtgängig zu bauen, ist eine besondere Herausforderung und Qualitätsmerkmal für den Orgelbauer.

Im Inneren des massiv eichenen Gehäuses ist das Pfeifenwerk auf 3 Etagen verteilt.

Im Erdgeschoss hinten befinden sich die Windladen des Pedals mit den großen Basspfeifen. Darüber, auf Höhe der Prospektpfeifen, steht das große Hauptwerk mit 1.104 Pfeifen. Mittig darüber steht in der 2. Etage der Schwellkasten. Er ist fast völlig von den Prospektpfeifen verborgen. Der Schwellkasten ist aus 5 cm starken massiven Holzplatten gebaut, an seiner Vorderseite stehen senkrechte hölzerne Jalousien, die mit dem Fußtritt am Spieltisch geöffnet und geschlossen werden können – dadurch wird der Klang lauter und leiser. Türen in den Gehäusewänden, Leitern und Stimmgänge ermöglichen den Zugang zu allen Ebenen, Windladen, Pfeifen und der Spieltechnik.

Zusätzlich wurde sogar das Untergeschoss einbezogen: Hier befindet sich die große Lunge der Orgel, ein leistungsfähiger Ventilator und 1 großer Hauptbalg. Über einen weiten hölzernen Windkanal versorgt er 3 große Magazinbälge mit jeweils 2 großen Falten, die sich im Inneren der Orgel befinden, mit Druckluft (der Orgelbauer nennt die Druckluft „Wind“). Diese Magazinbälge dienen als Reservoir und Ausgleich für den Windverbrauch beim Spielen und ermöglichen außerdem, jeder Klaviatur einen eigenen, differenzierten Winddruck zu geben. Hölzerne Windkanäle führen von den Bälgen zu den 6 Windladen. In diesen zentralen Verteilereinheiten wird der Wind aus den Bälgen auf alle einzelnen Pfeifen verteilt. In den Windladen befinden sich zwei nacheinander geschaltete Steuerungssysteme: die Tonventile, die mit den Tasten gesteuert werden und die die Tonhöhe bestimmen (61 Tasten in den beiden Manualen und 32 im Pedal), und die Schleifen (das sind flache hölzerne Sperrschieber) für die Register, die mit den Registerknöpfen am Spieltisch gesteuert und mit denen die Klangfarben (39 Register, 1 Cymbelstern und 8 Koppeln) eingeschaltet werden. Nach diesen Schleifen nennt man das Windladensystem „Schleiflade“.

 

Pfeifen

Eine außergewöhnliche Vielfalt an Pfeifenformen erzeugt die faszinierende Klangfarbigkeit einer großen Orgel: Pfeifen aus verschiedenen Zinn-Blei-Legierungen, mit verschiedenen Durchmessern, manche zylindrisch, andere konisch, weitere mit Hüten, die die Pfeife oben verschließen, dazu offene und gedeckte Pfeifen aus Holz, alles in verschiedenen Längenproportionen, nicht zu vergessen die Zungenpfeifen, deren Ton durch vibrierende Messingzungenblätter erzeugt wird. In unserer Orgel schöpfen wir aus der reichhaltigen Tradition des mitteldeutschen Orgelbaus – beginnend bei dem berühmten Gottfried Silbermann, dem Zeitgenossen Bachs, dessen großes „gravitätisches“ Volles Werk für unsere Orgel Pate stand, bis hin zu bedeutenden Romantikern des 19. Jahrhunderts, allen voran Friedrich Ladegast, dessen Baustil viele unserer Flöten-, Streicherstimmen und den profunden Posaunenbass beeinflusst hat. Bereichert wird dieser Klangkörper vor allem im Schwellwerk durch ausgewählte Klangfarben aus der Klangwelt der französischen Symphonik des bedeutenden französischen Orgelbauers Aristide Cavaillé-Coll.

Die Manuale

 

Das große Hauptwerk (I. Manual) ist das führende Klangwerk der Orgel mit einem vollen, raumfüllenden Klang und einem prächtigen, glanzvollen Pleno, das beispielsweise Werke der Zeit Bachs gut zum Klingen bringt. Neben den 4 Principalpfeifenreihen geben vier verschiedene Flöten als Solo- und Füllstimmen, eine charaktervolle Viola di Gamba, die silbrig glänzende Mixtur, der markige Cornett und die brillante Trompete dem Hauptwerk Kraft und Brillanz, aber auch die Fähigkeit zu ausdrucksvollen Soloklangfarben.

Das Schwellwerk (II. Manual) verkörpert vor allem das orchestral gedachte Klangideal der Spätromantik mit einer großen Expressivität, Farbigkeit und Dynamik. Sowohl typische Klangfarben der französischen Orgelsymphonik als auch der deutschen Spätromantik sind hier vertreten. Erstere werden vor allem durch die leuchtende Soloflöte Flute harmonique, das sanfte Cor de nuit und die feurige Trompette harmonique vertreten, während die große Farbigkeit und Differenzierungsfähigkeit der deutschen Romantik von dem reich besetzten Labialchor vertreten wird, insbesondere dem großen Streicherchor mit der ätherischen Schwebestimme Vox coelestis. Doch auch barocken Glanz und Farbigkeit vermag das II. Manual mit den 4 Aliquotstimmen und der Geigenprincipalmixtur zu geben. Der Tremulant ermöglicht ein weiches Vibrato für Soloregistrierungen. Alle Register sind in ihrer Dynamik und Klangfarbe fein aufeinander abgestimmt und ermöglichen einen fast lückenlosen Klangaufbau vom leisesten pianissimo bis zum grandiosen vollen Werk, der zusätzlich mit den Schwelljalousien dynamisch verstärkt werden kann. Mit den vier Suboktavkoppeln, die die Tasten des II. Manuals um 1 Oktave tiefer versetzt ankoppeln, können besondere Klangeffekte potentiert werden.

Das Pedal ist mit den großen Bassstimmen besetzt. Je vier 16′- und 8′-füßige Stimmen und ein abgrundtiefer Untersatz 32′ geben ihm die nötige Tragkraft und Fundament für die reich besetzten Manuale. Eine Besonderheit ist der kraftvolle profunde Posaunenbass, den wir als Kopie nach einem historischen Exemplar von Friedrich Ladegast gebaut haben. Doch auch für Soloführungen ist das Pedal mit den beiden markanten 4′-Stimmen und der Superoktavkoppel gut geeignet. 2 Koppeln zu den Manualen können es klanglich aufhellen. Um die großen, platzintensiven Basspfeifen mehrfach zu nutzen, sind 5 der 11 Register als Extensionen ausgebaut (Oktavauszüge).

 

 

Alle Bildrechte gehören

dem Hermann Eule Orgelbau.

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