Bad Frankenhausen Unterkirche – Strobel Orgel

RestaurationBad Frankenhausen Unterkirche – Strobel Orgel

Erbaut ab 1884, Julius Strobel + Söhne Reinhold und Adolph // Restauriert 2015-2019, Hermann Eule Orgelbau

  • Bad Frankenhausen
  • 2015 - 2019
  • Restauration

Die Strobel-Orgel trägt den Namen Julius Strobels, welcher diese ab 1884 begann zu bauen, vollendet wurde sie allerdings von den Söhnen Reinhold und Adolph Strobel 1886.

Das Gehäuse mit Prospektpfeifen und Pfeifen liegt in 12 Registern vor und stammt von Wolfgang Heinrich North, 1703 (die 4 Seitenfelder von 1886). Weitere 5 Register sind überwiegend bzw. z.T. von J. Friedrich Schulze, 1843 und wurden eingebaut durch Strobel.

Im 20. Jahrhundert fanden zu Leiden der Orgel mehrere neobarocke Umdisponierungen und technische Veränderungen statt, zuletzt durchlitt sie eine zunehmende Zustandsverschlechterung.

2015 begannen dann die Restaurierungsarbeiten des Hermann Eule Orgelbau aus Bautzen in den originalen Zustand von 1886, dabei hat er es geschafft, den Großteil ganz oder überwiegend zu rekonstruieren.

 

Strobel-Orgel Bad Frankenhausen

 

I. Manual (Hauptwerk) C – f′′′

1. Principal 16′
2. Quintatön (++) 16′
3. Principal + 8′
4. Viola de Gamba (++) 8′
5. Hohlflöte 8′
6. Flute harmonique 8′
7. Gedackt + 8′
8. Quinte + 5 1/3′
9. Octave + 4′
10. Gedackt + 4′
11. Quinte + 2 2/3′
12. Octave + 2′
13. Mixtur 5fach +/++ 2′
14. Cymbel 3fach 2′
15. Trompete 8′

 

II. Manual (Brustwerk (Hinterwerk)) C – f′′′

16. Bordun ++ 8′
17. Principal 8′
18. Bordunalflöte 8′
19. Schweizerflöte ++ 8′
20. Gambe ++ 8′
21. Octave 4′
22. Bordunalflöte 4′
23. Naßatquinte + 2 2/3′
24. Octave + 2′
25. Mixtur 4fach +/++ 1 1/3′
26. Cornett 2-4fach 2′
27. Oboe (aufschlagend) 8′

 

III. Manual (Oberwerk (Schwellwerk)) C – f′′′

28. Liebl. Gedackt (C-Fs 5 1/3′) 16′
29. Geigenprincipal 8′
30. Flöte traverse ++ 8′
31. Harmonica 8′
32. Liebl. Gedackt + 8′
33. Salicional 8′
34. Vox celeste ab c0 2fach 8′ (+4′)
35. Fugara 2 2/3′
36. Zartflöte 2′
37. Violine 2′
38. Mixtura aethera 3fach z.T. + 2′
39. Aeoline (durchschlagend) 16′

 

Pedal C – d

40. Principalbaß 32′
41. Violon 16′
42. Subbaß 16′
43. Principalbaß 8′
44. Violon 8′
45. Gedacktbaß 8′
46. Octavenbaß 4′
47. Posaune 16′
49. Trompetenbaß 8′

 

Nebenregister:

Oberwerk – Coppel    (III-I)

Brustwerk – Coppel    (II-I)

Hauptwerk – Pedalcoppel

Brustwerk – Pedalcoppel

Schwellertritt (Schwellkasten mit Türen)

Calcantenzug

Windauslass

(ursprünglich noch 2 Kollektivtritte zum I. Manual an/ab, Kollektivtritt für das Pedal an)

Technik:

  • 2 doppelfaltige große Magazinbälge (einer für Haupt- und Oberwerk, einer für -Pedal und
  • Barkermaschine, mit Schöpfbälgen), 1 Magazinbalg für Schwellwerk
  • 4 pneumatische Barkerhebel für I. Manual (zentral), Hauptwerk, Oberwerk, Schwellwerk
  • Mechanische Schleifladen (mit separaten Prospektladen für Principalbaß 16′)
  • Winddrücke: Haupt- und Oberwerk 80 mmWS, Pedal und Barkermaschinen 85 mmWS,
  • Schwellwerk 58 mmWS
  • Stimmtonhöhe a′ = 447,4 Hz bei 15° C, gleichstufig

 

+ ganz rekonstruiert

++ überwiegend rekonstruiert

Die Restaurierung durch Eule Orgelbau Bautzen bis 2019

 

Bereits 2004 erstellten wir ein erstes Restaurierungskonzept. 2007 führten wir eine ausführliche Dokumentation der Orgel aus, als deren Ergebnis das Restaurierungskonzept wesentlich detailliert werden konnte. Bald darauf entschied sich die Gemeinde für eine Restaurierung durch unsere Werkstatt. Nun folgten Jahre der Suche nach Förderern und Geldgebern. Hinzu kam, dass erst die große, hochbarocke Kirche restauriert werden musste. Dafür wurde die Orgel schon 2015 ausgebaut, dabei nochmals dokumentiert und fachgerecht bei uns gelagert.

In den folgenden 2 ½ Jahren wurden die Orgelteile in Bautzen sorgfältig restauriert. Ein besonderer Schwerpunkt war die stetige Suche nach Spuren des originalen Zustandes, der durch die vielen Umbauten überformt und manchmal zur Unkenntlichkeit verändert worden war. Vergleichsinstrumente wurden besichtigt, viele Werkstattgespräche geführt und aus den erhaltenen Spuren und Vergleichen ein zu restaurierender Zustand festgelegt, der dem Original so nah wie möglich kommen sollte.

 Der Restaurierung lag die Disposition von 1886 zugrunde, die anhand der Spuren und Dokumente eindeutig rekonstruierbar war. Die Rückführung der historischen Pfeifen auf den Zustand von 1886 in ihren ursprünglichen klanglichen Kontext war folglich ein Schwerpunkt der Restaurierung. Die Pfeifen wurden zunächst gründlich gesichtet, sortiert und zugeordnet. Für die zu rekonstruierenden Einzelpfeifen und Register wurden an einigen Pfeifen Proben entnommen, um die Legierung zu analysieren. Für die Principale und Streicherregister hat Strobel in seinem Angebot 12lötiges Zinn (75%) angegeben. Die Proben wichen allerdings mit einem durchschnittlichen Zinngehalt von 66% davon ab. Da eine Legierung mit 66% Zinn nur schwer gießbar und das Material bei diesem Zinngehalt relativ weich ist, haben wir uns für das vertraglich vereinbarte höherprozentige 12lötige Zinn entschieden. Fast alle originalen Pfeifen haben offene Füße.

Die erhaltenen originalen Prospektpfeifen von 1703 hat Strobel aufgrund der anderen Tonhöhe und Tonfolge durch Höherstimmung anders angeordnet. In den zwei oberen Außenfeldern wurden fehlende, stumme Pfeifen zwischenzeitlich durch Holzatrappen ersetzt. In den beiden kleinen Zwischenfeldern des Hauptwerks befinden sich Pfeifen aus dem 19. Jahrhundert, die dort möglicherweise von Strobel aus Altbestand eingesetzt wurden. Einzelne kleine Prospektpfeifen wurden beim Ausbau in der Orgel gefunden, sodass von ursprünglich 170 Prospektpfeifen insgesamt nur 37 fehlten. Die rekonstruierten Prospektpfeifen wurden durch Ameisensäure patiniert und so farblich dem Originalbestand angepasst.

Fehlende Registerteile wurden anhand der erhaltenen Pfeifen detailgetreu nachgebaut, vollständig fehlende Register nach erhaltenen Vorlagen in zeitnah gebauten Strobel-Orgeln. Aeoline 16′ wurde ausgehend  von dem historischen Foto dieses Registers aus Northeim (1876) im Übrigen in Anlehnung an Strobels Zeitgenossen Ladegast nachempfunden und wirkt überzeugend.

Der Spieltisch wurde gereinigt, veränderte Registerschilder rekonstruiert. Eine neue dezente Beleuchtung wurde installiert und Einbauten sowie Bohrlöcher entfernt. Die Manualklaviaturen wurden gründlich überarbeitet und die veränderten Übersetzungsverhältnisse an den Tasten auf den originalen Zustand zurückgeführt. Die Pedalklaviatur wurde nach historischem Vorbild rekonstruiert.

Gebr. Strobel hatten über den Vertrag hinaus einen zweiten großen Magazinbalg mit Keilschöpfer gebaut. Beide Magazinbälge waren ursprünglich direkt miteinander verbunden, wurden aber offenbar schon bauzeitlich voneinander getrennt, um die wechselseitige Beeinflussung aufzuheben. Das ermöglichte, dem Pedal und den Barkermaschinen eigenen Wind mit höherem Druck zu geben.  Die Windversorgung der Barkermaschinen war zwischenzeitlich mehrfach verändert worden – sie wurde wiederhergestellt. Die beiden großen Magazinbälge wurden gereinigt und vollständig neu beledert.

 Im Angebot schrieb Strobel: „Damit das dritte Manual der Weichheit und Zartheit der Stimmen schwächern Wind bekommt, wird oben neben diesem Manual noch ein besonderer Windregulator angebracht von 1,50m im Quadrat.“. Dieser Balg war zu unbekanntem Zeitpunkt entfernt und das III. Manual an den Manualbalg angeschlossen worden. Die ursprünglichen Befestigungspunkte der Balgstützen, der freie Platz sowie der Windkanalanschluss zur Versorgung des Balges über eine Drosseleinrichtung waren als Spuren vorhanden. Sie ermöglichten die Rekonstruktion dieses Balges mit entsprechend geringerem Winddruck.

Die solide gebauten Windladen aus Eichenholz hatten auf den ersten Blick kaum Beschädigungen, wiesen aber auf den ausgespundeten Unterseiten innerhalb und außerhalb der Windkästen zahlreiche Risse auf, die immer wieder mit Papier, Leder oder anderem Material überklebt wurden. Vereinzelt gab es Kanzellenrisse und Risse in den Fundamentbrettern. Besonders betroffen war davon die Windlade des Brustwerks. Bei vielen Registern gab es Durchstecher, denn die Schleifen liefen Holz auf Holz ohne jegliche Dichtung, was ihre Schwergängigkeit erklärte. Die Papierung der Ladenkorpusse wurde entfernt, alle Risse geschlossen und die Unterseite der Laden beledert. Auf der Ladenoberseite und auf den Stocksohlen wurden dünne Tuchscheiben aufgebracht, um eine dauerhaft gute Abdichtung bei gleichzeitiger Leichtgängigkeit zu erhalten. Die verschlissene, teils ersetzte Belederung der Ventile wurde vollständig entfernt, die Ventile sorgfältig abgerichtet und mit einer neuen doppelten Belederung versehen. Unpassende Ventilfedern wurden in angepasster stärke neu hergestellt. Die vorhandenen Pulpetendrähte konnten bis auf vereinzelte beibehalten werden. Diese wurden gereinigt und gerichtet. Alle Rasterbretter wurden gründlich gereinigt und instandgesetzt, fehlende wurden anhand der originalen Muster neu angefertigt. Die restaurierten Pfeifen wurden neu eingepasst.

Die Trakturführungen sind original, um 1970 wurden aber alle Trakturwinkel ersetzt. Auch die Barkermaschine des III. Manuals war stillgelegt und die Traktur direkt an die Ventilabzüge unter der Windlade angekoppelt. Nach vielzähligen Versuchen und eingehender Beratung wurden die vorhandenen Trakturwinkel beibehalten und instandgesetzt. Die Abstrakten erhielten neue Drähte in passender Stärke.

Die 4 Barkermaschinen wurden vollständig demontiert und alle Einzelteile sorgfältig instandgesetzt. Alle Bälge und Ventile wurden neu bezogen. Das III. Manual wurde wieder angeschlossen. Die hochpräzise Arbeit an den 4 Barkermaschinen war besonders aufwändig, ist sie doch Voraussetzung dafür, dass die vielfach behelfsmäßig veränderte Traktur wieder zuverlässig funktioniert.

Doch gerade hier zeigte sich, dass nicht alles, was historisch ist, auch gut sein muss. Die akribisch restaurierte Tontraktur befriedigte nicht in Repetition und Spielweise. Deutlich zeigten sich die Grenzen, an die Gebr. Strobel mit ihrem Können gestoßen waren: Zwei hintereinander geschaltete Barkermaschinen (!) im Hauptwerk sowie die sehr robust, massiv und dadurch schwere Traktur erforderten starke Federn zum Zurückziehen und wiesen vor allem im Hauptwerk eine große Trägheit auf, die schnelle Repetitionen verhinderte. Hier entscheiden wir uns nach langen und ausgiebigen Diskussionen mit den Beteiligten für geringe, reversible Modifikationen, die die Probleme deutlich spürbar minderten und nun eine zufriedenstellende Spielweise ermöglichen.

Das gesamte Regierwerk wurde gereinigt und gründlich überarbeitet. Alle Lagerstellen waren stark ausgespielt und wurden wo notwendig mit Hartholz ausgebuchst und passend neu gebohrt. Da die originalen Verbindungsstifte aus Eisen unterschiedliche Stärken aufwiesen, musste jeder einzelne sorgfältig wieder eingepasst werden. Auf die Rekonstruktion der rein mechanischen Kollektivtritte, die wegen ihrer Schwergängigkeit offenbar schon frühzeitig wieder entfernt worden waren, wurde bewusst verzichtet.

Vom Schwellkasten des III. Manuals waren nur der dickwandige Kasten und die Halterahmen für die Türen erhalten, Türen und die gesamte Mechanik waren entfernt worden. Anhand von vorhandenen Spuren in der Orgel und der erhaltenen Schwellmechanik in Roßla wurden alle fehlenden Teile rekonstruiert. Der Schweller überrascht trotz der frühen Bauweise – noch ohne axial gelagerten Jalousien – durch seine Dynamik, die eine mystische Klangwirkung ganz im Sinne der Romantik ermöglicht.

Im April 2018 begann der Wiedereinbau der Orgel. In langwieriger Arbeit wurde die gesamte technische Anlage der Orgel wieder aufgebaut – Bälge, Windladen, Trakturen, Spielschrank, Prospektpfeifen.

Der abschließenden Intonation haben wir einen besonderen Stellenwert beigemessen, ist sie doch der wichtigste Arbeitsschritt, um der Orgel ihren authentischen Klang zurückzugeben – quasi ihre klingende Seele. Anders als bei einem Orgelneubau ging es darum, die erhaltenen Strobel-Pfeifen für sich sprechen zu lassen, ihnen zuzuhören und ihren Klangstil so nahe wie möglich zu kommen. Die rekonstruierten und umfassend restaurierten Pfeifen wurden zunächst in der Werkstatt nach dem Vorbild gut erhaltener Originalpfeifen vorintoniert. Die Hauptarbeit erfolgte allerdings erst in der Kirche. Hier wurde Register für Register eingebaut und jede Pfeife noch einmal nachintoniert – entsprechend dem Charakter, der aus den historischen Pfeifen und den Vorbildern an anderen Strobel-Orgeln hörbar war. Der außergewöhnlich farbige und dynamische Orgelklang ist das Überzeugendste, was diese hochromantische Großorgel in dem eleganten barocken Kirchenraum zu bieten hat! Den Abschluss bildete die Generalstimmung in der ermittelten historischen Tonhöhe in gleichschwebender Stimmungsart.

2019 war das große Werk vollendet. Wir danken sehr herzlich Frau Kantorin Laura Schildmann, Herrn Orgelsachverständigen Christoph Zimmermann, der Ev. Kirchgemeinde Bad Frankenhausen, allen Förderern und Unterstützern und nicht zuletzt unseren Orgelbauern.

 

Alle Bildrechte gehören

dem Hermann Eule Orgelbau.

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