Außergewöhnliches Großprojekt

Vaduz, Steinmeyer-Orgel

Liechtensteiner Vaterland, 16.07.2010,
Elisabeth Huppmann

Außergewöhnliches Großprojekt

Im Zuge der Sanierung der Kathedrale St. Florin in Vaduz wird nun auch die Steinmeyer-Orgel aus dem Jahr 1873 restauriert. Ein Projekt außergewöhnlichen Ausmaßes.

Vaduz. – Als feststand, dass die Kathedrale St. Florin in Vaduz dringend saniert werden muss, sollte im Zuge dieser Sanierung auch die Orgel ihre regelmäßige Revision erfahren. In der Zwischenzeit ist aus diesem Vorhaben ein Großprojekt geworden, im Zuge dessen die Orgel eine „Sanierung im restaurativen Sinn“ erfahren soll. Ein Unterfangen, das viel Know-hows und Leidenschaft bedarf und das keineswegs alltäglich ist.

Bewegte Geschichte

„Die Orgel in St. Florin hat eine bewegende Geschichte hinter sich, in der sie vier bis fünf mal malträtiert wurde“, weiß Josef Frommelt zu berichten. In seiner Funktion als Vorsitzender der Orgelkommission hat sich Frommelt intensiv mit der Vorgeschichte des Instruments beschäftigt, als die Gemeinde Vaduz diese beauftragte, die Sanierung fachmännisch zu betreuen.

Klangschwächen und wetteranfällig

„Fachleute haben gegenüber der Gemeinde Vaduz mehrfach beklagt, dass die Orgel klanglich nicht überzeuge, wetteranfällig sei und sich zur Begleitung von Chor- und Orchesterwerken nicht eigne“, weiß auch Martin Laukas, als Vertreter des Bauamts Vaduz, ebenfalls Mitglied in der Orgelkommission, zu berichten. Während die Sanierung des Innenraums (…) keine außergewöhnlichen Arbeiten darstellt, ist die Sanierung einer Orgel schon etwas ganz Besonderes. Deshalb ist Bauführer Laukas froh, dass er dabei auf die Unterstützung von ausgewiesenen Fachleuten zählen kann.

Fingerspitzengefühl und Fachwissen

(…) „Eine Orgelsanierung benötigt Fingerspitzengefühl und ein enormes Fachwissen“, erläutert Frommelt. Gezielt suchte man nach Firmen, die sich vor allem auf die Sanierung und Rekonstruktion von Orgeln spezialisiert haben. Nach einem Wettbewerb mit fünf namhaften Orgelbauern aus der Schweiz und Deutschland, entschied sich die Kommission, nachdem sie an mehreren Orten Orgeln angeschaut hatte, für die Orgelbauwerkstatt Hermann Eule aus dem 900 Kilometer entfernten Bautzen in Sachsen. 

Liechtensteiner Vaterland, 16.07.2010, Elisabeth Huppmann

Kein Neubau, sondern eine Restauration

Die Steinmeyer-Orgel in der Kathedrale St. Florin in Vaduz wird zwar nicht neu gebaut, dennoch wird sich am Instrument so einiges ändern.

Vaduz. – „Es handelt sich nicht um einen Neubau, sondern um eine Restauration“, werden die beiden Mitglieder der Orgelkommission, Josef Frommelt und Martin Laukas, nicht müde zu betonen. Will heißen, dass nicht nur das Gehäuse der Orgel bestehen bleibt, sondern auch der Großteil der Pfeifen und die original erhaltenen Register nur überholt und nicht neu gebaut werden. Ein Unterfangen, das vonseiten der Orgelbauwerkstatt enormes Know-how und fingerspitzengefühl fordert. Doch die Kommission ist sich einig, dass die Orgelbauwerkstatt Hermann Eule aus dem sächsischen Bautzen dieser Aufgabe mehr als gerecht werden wird.

Zweieinhalbjährige Restauration

Bei der Auswahl der Orgelbauwerkstatt war Auschlag gebend, dass sich die Firma Eule auf Steinmeyer-Orgeln spezialisiert hat und der seit 1872 tätige Betrieb auch über das nötige Know-how verfügt. Diese Firma wird nun in den kommenden zweieinhalb Jahren die Restauration vornehmen, stets mit dem Ziel, „so nah wie möglich an das Original heranzukommen“. (…)

Zwei Neuerungen notwendig

Einige Neuerungen wird es aber auch dieses Mal geben. Zum einen wird die Windversorgung komplett erneuert und zum anderen wird die Orgel, die wieder mit der ursprünglichen Stimmung von 435 Hertz gestimmt wird, mit einer Begleitorgel, die auf die heute üblichen 440 Hertz gestimmt ist, ergänzt. So ist es künftig möglich, Orchester- und Chorwerke aufzuführen, ohne dass dies für die Musiker große Umstellungen bedeutet. (…)

„Gut Ding will Weile haben“

Zwar hat die Sanierung mit dem Ausbau der Pfeifen erst diese Woche begonnen, doch sind sich heute schon alle Beteiligten einig, dass das Endergebnis eine Bereicherung für Vaduz und das Land Liechtenstein darstellt. Doch bis die Werke Rheinbergers in Vaduz in nahezu gleicher Klangqualität wie vor über 130 Jahren erklingen werden, dauert es noch ein Weilchen. Erst in der zweiten Jahreshälfte 2012 soll die neue Orgel eingebaut und nach längerer Akklimatisationsphase vom Chefintonateur Gregor Hieke auf die Raumakustik gestimmt werden. Die feierliche Wiedereinweihung – und damit der Abschluss eines außergewöhnlichen Großprojekts – ist für den 2. Februar 2013 geplant.

Zur Geschichte der Orgel

1871 hat Fürst Johannes II. den großen Komponisten und Lehrer Joseph Gabriel Rheinberger beauftragt, für den Bau einer Orgel in der neu erbauten Kirche in Vaduz einen guten Orgelbauer zu suchen. Rheinberger hat in einem Brief vom 17. September 1871 den Orgelbauer Georg Friedrich Steinmeyer in Öttingen, Bayern, angefragt, ob er eine Orgel in die Kirche seines Heimatortes Vaduz einbauen würde. Die Wahl Rheinbergers fiel auf diese Firma, weil Steinmeyer neben Eberhard Friedrich Walcker und Wilhelm Sauer der damals berühmteste Orgelbauer Süddeutschlands war. Steinmeyer willigte ein und die Orgel wurde 1873/74 erbaut. Steinmeyer hat seine Orgel mit besonderem Bedacht auf Farbigkeit, orchestrale Dynamik und Grundtönigkeit disponiert. Vaduz stellt dafür ein typisches Zeugnis dar. Gerade dies hat spätere Generationen, die dem jeweils modernen Zeitgeschmack huldigten, zu teils recht radikalem Umgang mit Steinmeyers Orgeln angespornt. Die meisten seiner großen Orgeln sind inzwischen durch Neubauten ersetzt oder radikal in Klang und Technik verändert. Umso bedeutender ist der in Vaduz erhaltene Bestand – immerhin 25 der einst 33 Pfeifenregister, darunter die seltenen, weil im 1. Weltkrieg fast überall ausgebauten, originalen Prospektpfeifen aus Zinn. Wohl aus Respekt gegenüber Rheinberger wurde ein großer Teil der Register Steinmeyers übernommen und blieb sogar vor einer Umintonation verschont. Für die damalige Zeit ist diese Tatsache außergewöhnlich, für die heutige Generation ein Glücksfall. Trotz Umbauten an der Windversorgung, der Elektrik und klanglichen Korrekturen blieb die Steinmeyer’sche Kernsubstanz weitestgehend erhalten.

Liechtensteiner Vaterland, 17.07.2010, Elisabeth Huppmann

Alles andere als alltäglich

Vaduz. – Es ist ein außergewöhnliches und nicht minder eindrückliches Unterfangen, der Ausbau einer Orgel. Weniger für die drei Arbeiter der mit der Sanierung beauftragten Orgelbauwerkstatt Hermann Eule als vielmehr für den Durchschnittbürger, der – wenn überhaupt – eine Orgel nur in ihrem fertigen Zustand und Erscheinungsbild kennt. Umso spannender war es in dieser Woche, den Abbauarbeiten in der Kathedrale beizuwohnen. Denn mit jeder ausgebauten Pfeife und jedem neuen Einblick in das Gehäuse der Orgel stieg die Bewunderung und Ehrfurcht für dieses Instrument.

Gehäuse komplett ausgehöhlt

Das Besondere an der Sanierung der Vaduzer Orgel ist der Umstand, dass das Originalgehäuse bestehen bleibt (…). Zwar werden alle Pfeifen ausgebaut, aber nicht alle werden nach der Sanierung wieder eingebaut (…). Dies hängt mit der Rückführung der Steinmeyer-Orgel in ihren Originalzustand zusammen. Doch stattliche 967 Pfeifen, darunter auch die außergewöhnlichen Prospektpfeifen, wurden am Ende der Woche per LKW abtransportiert. (…)

Prädestiniertes Orgelwerk

Zweieinhalb Jahre hat die Firma Eule nun Zeit, die Orgel in ihre klangliche Farbigkeit von 1874 zurückzuversetzen. Zusammen mit den Begleitregistern wird die „neu-alte“ Orgel 42 Register haben, die von drei Manual- und einer Pedalklaviatur aus angespielt werden. Zusätzlich wird eine elektronische Speicheranlage den Organisten den spielerischen Komfort geben, der heutzutage Standard ist. Mit diesen Maßnahmen erhält Vaduz ein für die Wiedergabe von Rheinbergers Orgelliteratur und für die gesamte Orgelmusik der Hoch- und Spätromantik prädestiniertes Orgelwerk, das sich sowohl für den gottesdienstlichen Bedarf wie für Begleitaufgaben eignet. Bis Februar 2013 muss man sich allerdings mit einer kleinen Ersatzorgel zufriedengeben. 

 

Fotos:Daniel Schwendener / Vaterland, Lichtenstein

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