Prag Ev. Kirche St. Salvator - Konzeption Teil 2

Klanglicher Kern der Disposition ist eine große zweimanualige Orgel im Stil von Gottfried Silbermann wie z.B. 1735 in der Petrikirche Freiberg (II/32). Typisch für Silbermann ist die Gravität und die Brillanz des Plenos. Der große Principalchor auf 16'-Basis (aus Platzgründen und zur Einbeziehung der historischen Pfeifen ist diese ein Bordun 16') mit selbständiger Principalterz und zwei Mixturen hat sein Pendant im hellen, silbrig strahlenden 8'-Pleno des II. Manuals mit Mixtur und den Einzelaliquoten 1 1/3' und 1', die als klangliche Krönung des Pleno wirken. Das Pedal hat eine reiche Besetzung auf Basis des Untersatz 32' als profundes Fundament und ausgebaut bis zum labialen und lingualen 4'. Seine gute Klangentfaltung lässt den weitgehenden Gebrauch ohne Koppel zu. Typisch für Silbermann sind auch die Flötenstimmen (Rohrflöte, Spitzflöte, Waldflöte), Aliquoten (Cornett, Nassat, Sesquialtera, Echocornett im III. Manual) und Solostimmen (Gemshorn 8' in der Bauform der Silbermannschen Gambe, Quintadena, Vox humana) und der Posaunenbass 16' als exakte Kopie nach Silbermann. Das herrliche Fagott 16' ist eine Rekonstruktion jenes Registers, dass der Silbermannschüler Zacharias Hildebrandt 1746 in der Wenzelskirche Naumburg eingebaut hat (einer Orgel, die J. S. Bach selbst abgenommen hat), ebenso die trichterförmige Viola di Gamba im Hauptwerk.

Das III. Manual repräsentiert den Orgelbaustil des Thüringer Spätbarock - der Herkunftsregion der Familie Bachs - mit seiner Reichhaltigkeit an Grundstimmen. Als Inspiration dienten uns die Register von T. H. G. Trost in Altenburg von 1739 – herrliche Flöten, feine Streicher und nicht zuletzt Glockenspiel und Cymbelstern, welche sehr typisch sind für thüringer Barockorgeln. Sie bilden die nahtlose Verbindung zu den frühromantischen Registern Karel Vocelkas, so der lieblichen Flaut d'amour 4' im III. Manual, der leuchtenden hölzernen Doppelrohrflöte 8' im I. Manual und dem fast noch barocken Violon 16' im Pedal (in Thüringen zur Bach-Zeit weit verbreitet). Dazu korrespondieren auch die neu eingefügten zusätzlichen Register, wie die zarte Flaut douce 8' im II. Manual oder die vokale Hoboe 8' im III. Manual mit dem Timbre der barocken Oboe di caccia. Unda maris 8' als Metallflöte ist in sanfter Schwebung eingestimmt und schwebt gekoppelt auch gut zu den Grundstimmen des II. Manuals (z.B. italienische Principalschwebung). Einen ähnlichen Effekt ermöglichen die Kanaltremulanten des II. und III. Manuals.

Die reiche Besetzung mit 8'-Registern (allein 15 in den 3 Manualen) erweitert die Möglichkeiten der Orgel sehr in Richtung romantischer Musik ebenso die Vielfalt und Abstufungen bei Begleitungen während der Gottesdienste und Konzerte. Das III. Manual versteht sich dabei nicht als Plenowerk, sondern als Farb- oder Echowerk (im Sinne von z.B. Gabler in Ochsenhausen und Weingarten) mit Solo- und Begleitstimmen und einer dynamischen Spannweite bis zum piano. Zugeständnisse an heutige Spielpraxis sind die Klaviaturumfänge, der Normalkoppelapparat, der heutige Normalstimmton und die Ventilatoreinspeisung in die Bälge.

Die begrenzte Größe des historischen Gehäuses (ursprünglich für 17 Register), an das wir keine störenden seitlichen Anbauten anfügen wollten, erheischte eine geschickte Innenanlage, die gute Klangabstrahlung, gute technische Anlage und gute Zugänglichkeit zugleich gewährleisten muss. Das Gehäuse wurde stilistisch passend nach hinten angelängt, der schon 1929 angefügte instabile Sockelunterbau wurde beibehalten, jedoch neu und solide gebaut. Der Unterbau des Gehäuses nimmt die Spieltrakturen auf; an beiden Seiten sind im vorderen Bereich je 2 Keilbälge übereinander untergebracht. Im hinteren Bereich folgen die Klein- und Großpedalladen, dazwischen ein Stimmgang. Ein zentraler Mittelstimmgang ermöglicht den Zugang nach vorn bis an die Rückseite des Spielschranks mit den Koppeln und Regulierstellen.

In der oberen Ebene stehen hintereinander die 3 Manualwerke, jeweils geteilt in C- und Cs-Seiten. Vorn steht das Hauptwerk, dahinter – etwas erhöht – das II. Manual (Oberwerk), dahinter – wieder etwas höher – das III. Manual (Farbwerk). Zwischen den Werken befinden sich Stimmgänge, die von einem zentralen Mittelstimmgang verbunden werden. Eine schräge Holzleiter im Inneren ermöglicht den Zugang. Den Abschluss nach hinten bildet das Großpedal mit den Holzpfeifen des Untersatz 32' an der Rückseite. Der Cymbelstern mit barockem Antrieb per Windrad und Schellenglöckchen steht über der Lade des III. Manuals, das Glockenspiel wird beim Ziehen des Registers mechanisch in die Spieltraktur eingeklinkt. Besetzt ist auch die (der Symmetrie wegen gebaute) Kalkantenglocke, obwohl die Orgel mit Ventilator betrieben wird. Von den 4 Keilbälgen ist je einer separat jedem Werk zugeordnet (barocke Windtrennung, ein Prinzip, das z.B. Z. Hildebrandt bereits um 1725 baute). Die Werktrennung eliminiert die gegenseitige Beeinflussung (Stößigkeit). Die 6 Normalkoppeln sind modern angelegt und mögen in erster Linie für zusätzliche Klangkombinationen dienen, nicht der Lautstärke.

Bewusst wurde darauf verzichtet, der Orgel Register hinzuzufügen aus der Zeit vor Bach (z.B. aus norddeutschen Orgeln), ebenso aus der Zeit nach Brahms, vor allem spätromantische (Vox coelestis, Schwellwerk) bzw. französisch-symphonische Klangfarben (während französische Bwrockmusik sehr gut darstellbar ist, wie auf allen großen Silbermannorgeln). Auch die Spieltechnik beschränkt sich auf den Stand der Mitte des 19. Jh. – keine Elektronik oder Setzer, nur 3x2 Tritte für die 5-6 kräftigen Plenostimmen des I. und II. Manuals und Pedals (an/ab). Bewusst vermieden werden sollte der Versuch, eine universale Orgel zu bauen. Vielmehr wollten wir eine Konzeption realisieren, die durch die Konzentration und Beschränkung auf einen bestimmten stilistischen Kern umso mehr einen individuellen, ausdrucksvollen und authentischen Charakter erhält. Der Klang der Orgel wird daher jener Klangwelt entsprechend, die typisch ist für Mitteldeutschland ab der Zeit ab J. S. Bach über das Spätbarock und die Klassik bis hin zur Frühromantik um 1850. Doch wie auf den großen Silbermannorgeln lässt sich auch Musik des mitteldeutschen Raumes bis ins ausgehende 19. Jh. gültig interpretieren.

Im Frühsommer 2010 konnte der Vertrag unterzeichnet werden. Unverzüglich begannen in der gesamten Werkstatt die Arbeiten an den Orgelteilen: Konstruktion, Tragwerk, Gehäusanlängung, Windladen, Bälge und Kanäle, Trakturen, Spielschrank, Restaurierung der historischen Pfeifen, Bau aller neuen Pfeifen. Schon Ende 2010 begann die Vormontage im Saal in unserer Bautzner Werkstatt. Parallel wurde die Vorintonation der Pfeifen ausgeführt. Am 15. und 16. November brachten zwei große Lastkraftwagen die Orgelteile nach Prag. Über ein gewaltiges Zuggerüst wurden sie dort auf die Seitenemporen zwischengelagert. Innerhalb von 5 Wochen baute das Montageteam die Technik der Orgel auf. Noch vor Weihnachten konnte die Intonation beginnen, sodass zu Heiligabend 2010 die ersten 5 Register erklangen und den Ton des Eule-Interimspositivs ersetzte. Der 1. Bauabschnitt – die 31 Register auf 2 Manualen und Pedal gemäß der öffentlichen Ausschreibung – konnten pünktlich am 31.1.2011 fertiggestellt werden, bis Ende März 2011 dann die übrigen Register und Technik.

Damit wurde das gemeinsame Werk unserer über 40 Orgelbauer, vieler Helfer, der Gehäuserestauratorinnen, der Erbauer des neuen Emporenbodens, Sockels, des Elektrikers, Gerüstbauers u.v.a. vollendet. Besonderer Dank gilt den Herren Pavel Janecek und Pavel Urban von der Ev. Gemeinde zum Salvator. Ohne ihre unermüdliche Energie und Engagement würde die neue Orgel heute sicher nicht erklingen können.

Jiří Kocourek
Geschäftsführer Hermann Eule Orgelbau GmbH, Bautzen
 
Fotografie:
Dr. med. Wolfram Hackel, Dresden

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Gravität und Lieblichkeit
Die neue Eule-Orgel in der Ev. Kirche zum Salvator in Prag im Stil des mitteldeutschen Spätbarock und Frühromantik

 

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