Prag Ev. Kirche St. Salvator

Hermann Eule Orgelbau - opus 669 III+P/48, erbaut 2011
Orgelgehäuse Karel Vocelka von 1865, Restauration Zdena Kafková, Prag
www.varhanyusalvatora.cz


Konzeption Teil 1

Nur reichlich 2 Jahre sind seit der öffentlichen Ausschreibung des Projektes im März 2009 vergangen – sehr wenig Zeit für eine große Orgel. Ausgangspunkt war die Ausschreibungskonzeption mit dem Titel „Rekonstruktion der Orgel“, die Prof. Jaroslav Túma entwickelt hatte und welche in allen Details obligat umgesetzt werden musste. Die Technik (Spielschrank, Bauweise der Trakturen, Windladen, Pfeifen und Bälge) sollte vollständig den Prinzipien des barocken Orgelbaus in dieser Region entsprechen (gespundete Windladen, Keilbälge, hängende Holztraktur, keine Registrierhilfen). Von der vorhandenen Orgel musste zwingend das Gehäuse der Vorgängerorgel von Karel Vocelka von 1865 wiederverwendet und nach strengen denkmalpflegerischen Kriterien restauriert werden. Die vorgegebene Disposition umfasste 2 Manuale und Pedal sowie 31 Register im Stil des böhmischen bzw. süddeutsch-österreichischen Barock, ergänzt um zwei norddeutsche Manualzungenregister. Verlangt waren kernstichlose Intonation, Pfeifen auf Länge, keine romantischen Register, kein Schwellwerk; eine Weiterverwendung von erhaltenen Registern von 1865 war nicht vorgesehen. Musikalische Zielstellung der Ausschreibung war die authentische Wiedergabe der Werke insbesondere von Bach, Mendelssohn-Bartholdy, Brahms, zeitgenössischer Autoren und die Begleitung der evangelischen Gottesdienste und des Gemeindegesangs.

Ende Juni 2009 wurde das Angebot der Bautzner Werkstatt Eule ausgewählt. Nach Klärung einiger vergaberechtlicher Probleme konnte die Arbeit an der detaillierten Umsetzung beginnen.

Unter den strengen Grenzen der Ausschreibungskonzeption blieben nur zwei Wege, um eine Orgel zu konzipieren, die einerseits die musikalische Zielsetzung bestmöglich umsetzt: Die Hinzufügung von Registern sowie die musikalische Interpretation der gegebenen Disposition.

Ein erster Schritt war, dass wir nach genauer Untersuchung des Pfeifenwerks der vorhandenen, bereits wieder umgebauten Orgel von 1929 noch 7 Holzpfeifenregister der  Vorgängerorgel von 1865 auffinden konnten, die der Prager Orgelbauer Karel Vocelka erbaut hatte, dessen Orgelgehäuse bereits unter Denkmalschutz stand. Sie gaben mit ihrem nach der Restaurierung wiederbelebten Klang die Grundrichtung der Intonation vor.

Der zweite Schritt war, die vorgegebenen Register so zu gruppieren, mensurieren und zu bauen, dass eine Orgel entsteht, die tatsächlich der Musik Bachs, Mendelssohns u.ä. adäquat ist. Deshalb haben wir die neue Orgel konzipiert im Stil einer großen Orgel des mitteldeutschen Spätbarocks, jener Region und Orgellandschaft, in der Bach, Mendelssohn und weitere bedeutende Komponisten wirkten und wo sich bereits seit dem 16. Jh. die Orgelmusik im evangelischen Gottesdienst sehr reichhaltig entwickelt hatte, welche ihrerseits wiederum dem Orgelbau prägende Impulse gab. Dieser Orgelbaustil erfuhr seine Blüte und Vollendung im 18. und 19. Jh. Seine Hauptvertreter sind im 18. Jh. G. Silbermann sowie Z. Hildebrandt in den sächsischen Ländern und T. H. G. Trost in Thüringen, im 19. Jh. dann in Sachsen J. G. Mende in Leipzig und Friedrich Ladegast in Weißenfels.

Der Klang dieser Instrumente war konzipiert für evangelische Kirchen mit einer großen Besucherzahl im sonntäglichen Gottesdienst, bis zu 3 umlaufenden Holzemporen und einer meist entsprechend trockenen Akustik. Der Orgelklang musste daher tragfähig, „gravitätisch“, mit weiten Mensuren und relativ hohen Winddrücken sein. Es entstanden die prachtvollen Instrumente der mitteldeutschen Orgelbaulandschaft, insbesondere der Silbermannschule, mit ihrem silbrigen, glanzvollen, zugleich mächtigen und majestätischem vollen Werk und der breiten Vielfalt an Klangfarben. Aus diesem reichhaltigem Klangfundus schöpften wir die Klangvielfalt und Farbigkeit sowie Mensuren und Bauformen der Register. Konkretes Vorbild dafür war die große zweimanualige Orgel im Stil von Gottfried Silbermann wie z.B. 1735 in der Petrikirche Freiberg (II/32), deren Registerfundus sich nominell nahezu vollständig in Übereinstimmung bringen ließ mit einem Großteil der Register der Ausschreibungsdisposition.

Auch die technische Konzeption der Orgel wurde im Stil einer sächsischen Silbermann-Orgel gestaltet und entsprach damit den Vorgaben: Schleifladen in klassischer Ausführung (aus Eiche, gespundet), rein mechanische Trakturen aus Holz (vor allem Eiche), 4 Keilbälge, rein mechanische Trakturen.

In einem dritten Schritt galt es nun, die Register der Ausschreibungsdisposition, der erhaltenen Originalregister von 1865 und der Freiberger Silbermanndisposition zu einem ganzen zusammenzuführen und durch zusätzliche Register so zu bereichern, dass ein harmonischer, schlüssiger Klangkörper entsteht.

Wir sind sehr glücklich über die Entscheidung der Ev. Gemeinde zum Salvator in Prag, das Instrument schrittweise zu vergrößern bis zur Dreimanualigkeit mit 48 Registern (47 + Glockenspiel). Den Organologen bzw. Organisten Pavel Cerný, Jirí Reindl und Jan Dolezel danken wir für viele wertvolle Anregungen in diesem Prozess.

Durch die Einbeziehung der 7 Register von 1865 war es nicht möglich, einfach eine gleich große Silbermann-Disposition (Hofkirche Dresden, 47 Register) zu Grunde zu legen. Doch gegen ein solches Vorgehen entschieden wir uns auch aus klanglichen Gründen, hätte eine so große Orgel den Raum akustisch überfordert, andererseits auf eine Vielzahl an Grundstimmen verzichten müssen, die Silbermann nicht gebaut hat. Im Vergleich zur großen Orgel der Hofkirche Dresden haben wir daher folgende Reduzierungen vorgenommen:

  • Hauptwerk ohne Principal 16', Fagott 16' nicht als enge Trompete (Bombarde), sondern lyrisches Soloregister nach Naumburg
  • Oberwerk ohne Quintadena 16'
  • Brustwerk ohne Principalchor (4', 2', 1 ½', 1', Mixtur 3fach)
  • Pedal ohne Mixtur.

Hinzugefügt wurden statt dessen Grund- und Soloregister, die kaum die Lautstärke, aber vor allem die Farbigkeit der Orgel deutlich erhöhen. Dies sind vor allem typische Klangfarben des Thüringer Orgelbaus der Barockzeit (z.B. Hohlflaut 8', Flauto traversop 8' nach G. Trost). Ein besonderes Gepräge geben die 7 Holzpfeifenregister des Prager Orgelbauers Karel Vocelka von 1865. Ihre Einordnung war sehr organisch möglich – baute sie doch Vocelka nach dem Vorbild jener Orgel, die 1853 der deutsch-nieder-schlesische Orgelbauer Karl Friedrich Ferdinand Buckow für die Prager deutsche ev. Michaelskirche erbaut hatte.

Forderung der Ausschreibung war die denkmalgerechte Restaurierung der Farbigkeit des Orgelgehäuses in den Zustand von 1865, welches zwischenzeitlich mit unansehnlicher grüngrauer Ölfarbe übermalt worden war. Sie wurde von Restauratorin Zdena Kafková aus Prag mustergültig ausgeführt, ebenso die Rekonstruktion der gleichen Farbigkeit auf den Verlängerungen der Seitenwände des Gehäuses, die im gleichen Stil wie die historischen Vorderteile gebaut wurden. Um das wieder erstandene einheitliche äußere Erscheinungsbild der Vocelka-Orgel von 1865 nicht durch einen modernen (oder silbermännischen) Spielschrank zu zerstören, entschieden wir uns für eine Spielanlage im Stil Karel Vocelkas. Die Prospektpfeifen haben wir als exakte Kopien nach Vocelkas Orgel in Luzany (1870) nachgebaut, ebenso die Form und Schrift der Registerzüge sowie die Formen der Klaviaturen und Wangen der Bank (nach Originalinstrumenten in Hluboká nad Vltavou, Rychnov nad Kneznou und insbesondere Luzany bei Jicín). Die alten Registeröffnungen wurden wieder benutzt, die neuen in gleicher Teilung darüber und darunter angeordnet. Die hochgestreckte Anordnung in nur 2 Reihen ist durch das schmale Rahmenholz bedingt.
 
Fotografie:
Dr. med. Wolfram Hackel, Dresden

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