Bielefeld, Ev. Neustädter Marienkirche

opus 685
Baujahr 2017
IV + P/46 (darin 6 Extensionen) + 2 Vorabzüge

Für ihre große, weiträumige Hallenkirche mit einem außergewöhnlich langen und intensiven Nachhall wünschte sich die Gemeinde eine Orgel, die im Kern vom Klangstil Friedrich Ladegasts um 1870 inspiriert sein sollte, aber Musik des Barock und der Spätromantik bzw. Symphonik nicht ausschließen sollte. Eine Empore gab es nicht, die Orgel musste ebenerdig aufgestellt werden.

Wir entwarfen eine Orgel, die im mittleren westliche n Joch freistehend aufgestellt war, sodass der Westeingang weiterhin genutzt werden konnte; der eingezogene Unterbau ermöglicht den Besuchern beidseitig den Weg ins Kirchenschiff. Der Organist sitzt erhöht auf einem Podium. Wichtig für die Lichtwirkung im Schiff war das Westfenster; unser Prospektentwurf nahm daher die Gliederung dieses Fensters in den 4 niedrigeren Mittelfeldern auf und rahmte diese durch zwei große Außenfelder. Das Westfenster wächst nun quasi aus der Orgel heraus. Das Gehäuse aus gewachster Eiche passt sich harmonisch dem Sandsteinton der Säulen, Gewölberippen und des Fußbodens der Kirche an. Die großflächigen 16‘-Prospektpfeifen strahlen majestätische Ruhe und Größe aus.

Die neue Orgel erhielt mechanische Spieltraktur mit einem klassischen Spielschrank, der an das Design Ladegasts um 1870 angelehnt ist, mit einarmigen Tasten und hängender Traktur. Alle Koppeln sind mechanisch. Die Registertraktur ist dual (mechanisch und elektrisch) mit einer Setzeranlage System Eule. Nicht nur das III., sondern auch das II. Manual sind schwellbar und ermöglichen eine große Dynamik – auch in den pianissimo-Bereich, der in der halligen Akustik besonders wirkungsvoll trägt. Das III. Manual besitzt zusätzlich Schwelljalousien nach hinten, die einen sanften, indirekten Klang ins Kirchenschiff ausbreiten. Die Werkaufstellung unterstützt eine gute, direkt ins Kirchenschiff gerichtete Klangabstrahlung: Hauptwerk mittig, dahinter die Schwellwerke (links II, rechts III), die Pedalladen hinterständig (Kleinpedal mittig, Großpedal außen). Die Rückwand der Orgel bilden die großen Pfeifen des Untersatz 32‘ mit sichtbarem Eichenboden. Das gesamte Tragwerk ist wie bei Eule üblich aus massivem Nadelholz. Eine großzügige Windanlage mit 4 doppelfaltigen Magazinbälgen ermöglicht hochromantisch-symphonischen Wind mit feinem, erregbaren Atem. Die Windladen sind Schleifladen mit Stimmdrückern.

Die Disposition hat eine etwa 39-registrige Ladegast-Orgel als klanglichen Kern. Typisch sind die charaktervollen, differenzierten Flöten, die tragfähigen, brillanten Principlachöre, der leuchtende Cornett und die eleganten Streicher. Um bei begrenztem Platz dem pedal dennoch eine reiche, anpassungsfähige Besetzung zu geben, sind 6 Register als Oktavextensionen gewonnen. Nur Posaune 16‘ ist selbständig und getreu nach Ladegast mit dessen herrlichen profunden Basston gebaut. Im II. Manual bereichern einige Aliquote und Cor anglais sehr behutsam die Disposition, außerdem zwei Tremulanten und ein Cymbelstern (Ladegast baute ihn 1872 in Lohsa).

 

Konzept, Disposition und Sachberatung
KMD Ruth M. Seiler, Bielefeld
Jiri Kocourek, Hermann Eule Orgelbau Bautzen GmbH
Hans-Christian Tacke

Konstruktion
Andreas Werner, Konstrukteur, Hermann Eule Orgelbau Bautzen GmbH

Pfeifenmensuren und Intonation
Gregor Hieke, Chefintonateur
Johannes Adler
André Gude
Michael Friedel
Fabian Zocher

Technische Leitung und Elektronik
Christoph Kumpe, Orgelbaumeister, Hermann Eule Orgelbau Bautzen GmbH
Ronny Hennersdorf, Orgelbaumeister, Hermann Eule Orgelbau Bautzen GmbH
Marita Kobelt, Hermann Eule Orgelbau Bautzen GmbH

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