Oslo-Sofienberg (NO), evangelische Kirche

opus 677
Baujahr 2013

im Stil von Friedrich Ladegast im Gehäuse der Vorgängerorgel der Gebr. Rieger, Krnov/CZ von 1877, III + P / 44 (darin 1 Ext.)

 

Die Idee der Ausschreibung war eine neue Orgel im Stil von Friedrich Ladegast. Ladegast (1818-1905) war einer der bedeutendsten deutschen Orgelbauer in der Zeit der Hochromantik. Aus seiner Werkstatt im mitteldeutschen Weißenfels gingen neben zahlreichen kleinen und mittleren Orgeln auch einige der größten Orgeln der damaligen Zeit hervor, die teils erhalten, teils rekonstruiert sind (Merseburg, Leipzig, Schwerin). Ladegast hat seinen Orgeln die Dynamik und Farbenvielfalt des romantischen Sinfonieorchesters gegeben und somit eine moderne, konzertante Orgel geschaffen, die von bedeutenden Komponisten seiner Zeit – vor allem Franz Liszt – sehr geschätzt wurde. Eine exzellente Individualität jeder einzelnen Klangfarbe und eine weit angelegte Dynamik vom zart verhauchenden pianissimo bis zum monumental brausenden Tutti der gesamten Orgel kennzeichnen Ladegasts Instrumente.

Unsere Werkstatt konnte mehrfach an Ladegast-Orgeln arbeiten, darunter an zwei seiner größten Werke in Merseburg und Leipzig sowie an den dreimanualigen Werken in Wittenberg, Rudolstadt und Mittweida. In Leipzig wurden auch Klangfarben und Technik im Stil Ladegasts nachgebaut. Diese Erfahrungen und die Kenntnis fast aller noch erhaltenen drei- und viermanualigen Ladegast-Orgeln waren für uns sehr wichtig, um Ladegasts Stilistik und seine künstlerisch-klangliche Vorstellung einer romantischen Orgel zu erfassen.

Denn unsere Vision für die neue Orgel in Oslo-Sofienberg war nicht, irgendeine konkrete Ladegast-Orgel einfach zu kopieren. Das wäre problematisch, weil Ladegast jede Orgel individuell als Einzelstück für den sie umgebenden Kirchenraum geschaffen und angepasst hat. Deshalb mussten wir uns in Ladegast hineinfühlen, wie er seine Orgeln plante, gestaltete und welche klangliche Vision ihm vorschwebte. Es sollte eine Orgel entstehen, als wenn sie Ladegast selbst für Oslo-Sofienberg geplant und gebaut hätte. Dabei sollte außerdem nicht eine bestimmte Zeitperiode aus Ladegasts Schaffen das Vorbild sein, sondern eine quasi ideale, universale Ladegast-Orgel entstehen – eine Hommáge an Friedrich Ladegast.

Das erste Konzept von 2010 sah eine dreimanualige Orgel mit 38 Registern vor. Kern war jener Typ einer kleineren dreimanualigen Orgel, die Ladegast rund 10mal gebaut hat und z.B. in Polditz, Schafstädt, Ronneburg, Rudolstadt erhalten ist. Ein besonderer Wunsch der Ausschreibung war die Möglichkeit, auch französische Orgelmusik der Romantik zu spielen. Doch wenn Ladegast etwas NICHT war, dann französisch. Deshalb suchten wir Vorbilder im deutsch-romantischen Orgelbau und wurden bei den frühen Werken von Wilhelm Sauer (1831-1916) fündig (z.B. Amsterdam, Mühlhausen), die von Cavaillé-Coll inspiriert waren. 4 typische Register fügten wir der Disposition bei (Basson, Trompette, Flute harmonique, Vox coelestis). Im Oktober 2010 konnte die Vergabe erfolgen. Für unsere Werkstatt war dies eine große Freude und Anerkennung, an einem solch schönen Standort ein so interessantes Instrument bauen zu dürfen!

Eine lange und sehr intensive Diskussions- und Planungsphase schloss sich an, einschließlich mehrerer Besichtigungsfahrten zu einer Reihe dreimanualiger Orgeln Friedrich Ladegasts, zu neuen Orgeln unserer Werkstatt und ebenso nach Oslo-Sofienberg. Im Ergebnis konnte die Disposition auf 44 Register erweitert werden. Von den 6 zusätzlichen Registern werteten allein 5 das ursprünglich nur kleine, typisch Ladegastsche Echowerk deutlich auf, zuzüglich des Tremulanten für die Oboe. Viele technische Probleme konnten geklärt werden, vor allem hinsichtlich der klimatischen Verhältnisse in der Kirche.

Im Oktober 2012 begannen wir die Arbeiten an der Detailkonstruktion der gesamten Orgelanlage und kurz danach die Werkstattarbeiten. Im Laufe des folgenden Jahres war zeitweise die gesamte Werkstatt mit dem Bau der verschiedenen Orgelteile befasst. Im Frühjahr 2013 wurde die alte Orgel in Oslo-Sofienberg ausgebaut und das Gehäuse vorgerückt. Mitte August 2013 war es dann soweit: die Teile der neuen Orgel wurden mit Lastkraftwagen direkt aus Bautzen in Oslo-Sofienberg angeliefert. Bis Mitte Oktober wurde zunächst die technische Anlage der gesamten Orgel eingebaut, das Gehäuse seitlich angelängt und die Farbfassung überholt und ergänzt. Mitte Oktober begann die Intonation, die Klanggebung der Orgel. Jede einzelne der 2.734 klingenden Pfeifen wurde nun in ihrem Klang an den Kirchenraum angepasst. Register für Register wurden in die Orgel eingebaut. Gregor Hieke und André Gude haben diese Aufgabe mit großem Einfühlungsvermögen bewältigt. Zum Schluss erfolgte die Generalstimmung der gesamten Orgel. Wenige Tage vor Weihnachten 2013 erfolgte die Abnahme.

Das historische Orgelgehäuse wurde um 1 Meter vorgerückt und passend angelängt. So konnte erreicht werden, dass der größte Teil der Orgelpfeifen künftig vor dem Turmbogen steht und dadurch viel direkter in den Kirchenraum klingt als bei der Vorgängerorgel. Von den 27 historischen Zinnpfeifen im Prospekt von 1877, die bisher stillgelegt waren, konnten wir 18 wieder zum Klingen bringen (C-f° des Principal 8‘). Der Spielschrank wurde nach dem Vorbild Ladegasts nachgebildet (insbesondere Rudolstadt 1882), um dem Organisten das Spielgefühl einer Ladegast-Orgel auch optisch zu vermitteln. Als kleine Zugabe bauten wir das Notenpult in der aufwändigen Profilarbeit nach Ladegasts Schweriner Domorgel von 1871.

Der innere Aufbau der Orgel nutzt den begrenzten Platz optimal aus. Wichtig war uns, dass jedes Teilwerk gut in den Raum klingen kann, eine kurze und direkte Trassenführung für die Spielmechaniken möglich wird und eine gute Zugänglichkeit für Stimmung und Wartung. Nicht zuletzt gelang es uns, die Innenanlage entsprechend der typischen Gliederung der Orgeln Friedrich Ladegasts anzulegen. Hinter dem Prospekt steht das kräftige, klangführende Hauptwerk. Darüber mittig steht das Oberwerk, das zusätzlich einen Schwellkasten erhielt, um die dort eingefügten 3 kräftigen Register nach Wilhelm Sauer klanglich dämpfen zu können. Im hinteren Bereich des Gehäuses und im Turmbogen stehen die Pedalpfeifen, wie bei Ladegast in Groß- und Kleinpedal geteilt. An der Hinterkante des Turmbogens steht das Echowerk - in der Tiefe des Raumes, wie es auch Ladegast tat, der den indirekten, quasi aus der Ferne kommenden Klang für dieses Werk bevorzugte.

Die romantische Orgel erhielt eine großzügige, symphonische Windanlage mit 5 großen doppelfaltigen Magazinbälgen. Die 4 Werkbälge sind so nah wie möglich unter bzw. hinter den Windladen angeordnet, nur der große Magazinbalg mit dem Ventilator ist in einer geschlossenen Balgkammer im Turmraum hinter der Orgel platziert und erhielt eine Luftansaugung aus dem Orgelinneren. Die gesamte Traktur wurde wie bei Ladegast mechanisch auf Schleifladen eingerichtet und erhielt in allen Manualklaviaturen einarmige, hängende Trakturen, die ein sensibles, direktes Spielgefühl erlauben. Die Registertraktur ist ebenfalls mechanisch, aber mit einer Erweiterung um eine additiv wirkende elektrische Registrieranlage mit elektronischer Speicherung, in der 10.000 Registerkombinationen eingespeichert und durch Knopfdruck abgerufen werden können. Auch die bei größeren Ladegast-Orgeln vorhandene Zuschaltung für die kräftigen Pedalregister (Fortepedal) wurde eingebaut. Die für Ladegast typischen 3 Koppeln wurden um 3 weitere, heute gebräuchliche ergänzt. Die Schwelltritte können mit Hebeln auch per Hand bedient werden.

Jiri Kocourek

Konzept, Disposition und Sachberatung
Jiri Kocourek, Hermann Eule Orgelbau Bautzen GmbH
Halgeir Schiager, Organist, Oslo
Kare Nordstoga,Domorganist, Oslo

Konstruktion
Andreas Werner, Konstrukteur, Hermann Eule Orgelbau Bautzen GmbH

Pfeifenmensuren und Intonation
Gregor Hieke, Chefintonateur, Hermann Eule Orgelbau Bautzen GmbH
André Gude, Intonateur, Hermann Eule Orgelbau Bautzen GmbH
Sang Ook No, Intonateur, Hermann Eule Orgelbau Bautzen GmbH
Hannes Kunath, Intonateur, Hermann Eule Orgelbau Bautzen GmbH

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