| Orgelprospekt erbaut 1776,
Fa. Schulze, Paulinzella
Klangwerk und Spieltechnik erneuert 1908, Fa. Furtwängler &
Hammer
Restauriert 2008, Hermann Eule Orgelbau
Geschichte
Welch prächtige Barockorgel! - mag man erwartungsvoll denken, wenn
man den schönen Orgelprospekt in der Stadtkirche Blankenhain
betrachtet. Tatsächlich wurde er 1776 von der bedeutenden Orgelbauer-
familie Schulze aus Paulinzella gebaut, doch ist von deren Werk nicht
eine einzige Pfeife erhalten. Das gesamte Klangwerk samt Spieltechnik
wurde 1908 komplett erneuert.
Erbaut wurde die jetzige Orgel 1908 von der bedeutenden deutschen
Orgelbaufirma P. Furtwängler & Hammer, die damals unter der
Leitung
von Pius Furtwängler (1841-1910), dem jüngeren Sohn des Firmengrün-
ders, und seinem Compagnon Adolf Hammer (1854-1921) stand.
1822 hatte Philipp Furtwängler eine Werkstatt in Elze gegründet
und
1838 seine erste neue Orgel errichtet.
1883 zog die Firma nach Hannover um. Die Firma wurde 2007 verkauft,
bis dahin hatte sie rund 2000 Orgeln erbaut. Die Blankenhainer Orgel
entstand in der Blütezeit der Firma, als rund 120 Mitarbeiter beschäftigt
wurden und die Firma zu den größten ihrer Art in Deutschland
gehörte.
In Thüringen und Umgebung hatten Furtwängler & Hammer
zu jener Zeit
noch nicht viele Orgeln errichtet, eine der ersten war 1902 eine Orgel
für
die katholische Kirche in Plauen. Erst im 2. Viertel des 20. Jahrhunderts
mehrten sich die Orgelbauten, als bedeutendste in den neuen Bundes-
ländern entstand 1932 die vielbeachtete, neobarock konzipierte
moderne
Orgel der Leipziger Versöhnungskirche.
Bereits 1914 erhielt die Orgel einen elektrischen Gebläsemotor
- einer
der frühesten seiner Art in Thüringen und ein Unikat, da er
bis heute
erhalten und funktionstüchtig ist. Er nahm dem Balgtreter die Arbeit
ab.
1917 mussten die Zinnpfeifen im Orgelprospekt für Kriegszwecke
abge-
geben werden und wurden durch silberbronzierte Zinkpfeifen ersetzt.
Für Blankenhain war das zum Glück nur ein optischer Verlust,
denn
diese Pfeifen waren seit 1908 gar nicht mehr klingend.
Doch die große Vielfalt an schönen, fein abgestuften Klangfarben
in der
Grundtonlage, die den spätromantischen, einem Sinfonieorchester
nahe-
kommenden Klang der Blankenhainer Orgel auszeichnete, hielt indes
nicht dem wandelhaften Geschmack der Organisten und Orgelplaner
stand. Bald nach dem I. Weltkrieg erhob die deutsche Orgelbewegung
das Ideal der Barockorgel der Zeit Bachs zum einzig gültigen Ideal.
Mit
oft geringen Mitteln versuchte man, dieses gänzlich andersartige,
auf
sehr helle, scharfe und schrille Klänge abzielende Klangkonzept
den
alten romantischen Orgeln überzustülpen, so auch 1967 in Blankenhain.
Hier wurden insgesamt 7 der 26 Register ausgetauscht oder umgebaut -
beim Cello-Register behalf man sich einfach mit dem Abschneiden der
Pfeifen, die so um 1 Oktave höher klangen. Es ist nicht verwunderlich,
dass sich die so kreierten neuen Klänge nicht in das alte Klanggerüst
einfügten. Das Ergebnis war weit entfernt vom Klang einer Barockorgel,
aber auch das frühere, wunderbar stimmige spätromantische
Klangbild
war verloren.
Doch behielt man in Blankenhain eine gesunde Skepsis und ließ
die
verbliebenen 19 Register unverändert. So können wir noch heute
diese
romantische Klangwelt bewundern. Von außergewöhnlicher Schönheit
ist die Hohlflöte 8', eine wunderbar leuchtende Soloflöte,
wie sie sonst
nur wenige der größten Thüringer Orgeln besitzen. Von
den leisen, sanf-
ten Stimmen sei erwähnt das zart streichende Salicional 8' im II.
Manual.
Kraftvoll-festlich prägen Trompete 8' und Posaune 16' das volle
Werk.
Die Blankenhainer Orgel hat 26 verschiedene Klangfarben (Register),
die auf 2 Manual- und 1 Pedalklaviatur verteilt sind. Zahlreiche Koppeln,
Spielhilfen, ein Jalousiekasten ("Schwellwerk") und eine Walze
ermögli-
chen es, alle Register vom leisesten Pianissimo bis zum majestätischen
vollen Werk ("Tutti") in unzähligen Klangfarben erklingen
zu lassen.
Die Spieltechnik arbeitet pneumatisch, d.h. alle Bewegungen vom Spiel-
tisch zu den Pfeifenventilen werden durch Druckluft mittels Bleiröhrchen
übertragen.
Jiří Kocourek
Geschäftsführer
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