| Erbaut 1884, E. F. Walcker
Restauriert 1993 - 1995, Hermann Eule Orgelbau
Geschichte
1884 vollendete die Ludwigsburger Orgelbaufirma E. F. Walcker &
Cie. in
der Annaberger St. Annenkirche ihr opus 424 mit 56 Registern auf drei
Manualen und Pedal mit mechanisch traktierten Kegelladen. Nach einem
Entwurf von Baurat Oskar Mothes war von dem Annaberger Tischlermei-
ster Gustav Kohl das neunfeldrige Gehäuse im Stil der Neugotik
errichtet
worden. Die hochromantische Disposition ist in ihrem Grundaufbau der
im
selben Jahr entstandenen Domorgel in Riga vergleichbar. Der Spieltisch
ist in die Gehäusefront eingesetzt. Die Traktur des 1. Manuals
und die
Manualkoppeln werden über eine Barkermaschine betätigt. Register-
crescendo, 6 feste Kombinationen, Piano- und Fortepedal sowie Schwell-
tritt für Oboe 8' ergänzen die spieltechnische Ausstattung.
Bereits 10 Jahre nach der Fertigstellung wird die Orgel durch die Dresdner
Orgelbaufirma Gebr. Jehmlich auf pneumatische Betätigung umgebaut,
einen Meter zurückgeschoben, beidseitig mit viereinhalb Metern
Blind-
prospekt verbreitert und um neun Register erweitert.
In den 1960er Jahren häuften sich Störungen am pneumatischen
System,
so dass Um- bzw. Neubaupläne ins Auge gefasst wurden. 1957 begann
die Restaurierung der St. Annenkirche, die Orgel wurde zum Schutz teil-
weise ausgebaut, die seitlichen Gehäuseanbauten wurden entfernt.
In einer langwierigen, schwierigen Entscheidungsfindung zwischen der
Kirchgemeinde, dem Denkmalamt, dem Landeskirchenamt und der Orgel-
baufirma Eule wurde 1987 die Restaurierung des Walcker-Werkes
beschlossen.
Nach Vorschlag der Fa. Eule beinhaltete die Restaurierung:
- Remechanisierung der Ton- und Registertraktur
- Wiederherstellung der Walcker-Disposition durch Nachbau der Hohl-
flöte 8' im I. Manual
- Instandsetzung der Windladen und des originalen Pfeifenwerkes
- Vorrücken des Gehäuses auf den alten Standort
- Reduzierung des Gehäuses auf die ursprüngliche Breite
- Wiederherstellung des Schwellkastens
- Neubau des Spieltisches unter Beibehaltung der noch erhaltenen
Walcker-Teile
Von den 56 Walcker-Registern waren 55 in Intonation und Tonlänge
unbe-
rührt erhalten, darunter sämtliche neun Zungenstimmen. Die
neun hinzuge-
fügten Kanzellen wurden beibehalten und im Walckerschen Sinne neu
besetzt.
Der Spieltisch erhielt zum einen die ursprünglichen Ausstattungen
von
7 festen Kombinationen und Walze, darüber hinaus das an der Domorgel
Riga zu findende "Registerprolongement". Eine weitere Besonderheit
ist
die Anlage des Registers Vox humana 8' des III. Manuals mit einem
6 m hohen Holzkanalaufsatz. Die zehn Windladen wurden in der Werkstatt
gründlich Instand gesetzt, die 3.200 Kegelventile gereinigt und
mit säure-
freiem Leder neu bezogen. Die Barkermaschinen sind nach den in Wien
(Votivkirche, 1878) und Kamenz (Stadtkirche St. Marien, 1891) erhaltenen
Anlagen rekonstruiert. Diese Bauweise macht es möglich, die Schnelligkeit
von Balgaufgang und Trakturbewegung von der Taste aus zu beeinflussen.
Die Wiedereinweihung der Orgel gestaltete sich zu einem nachhaltigen
Er-
lebnis. Mühelos vermag die Orgel den sehr großen Raum kraftvoll
zu füllen.
Die zahlreichen 8'-Register in ihrer ausgeprägten Charakteristik
gestatten
differenzierte Klangschattierungen. Besonders in der Literatur des 19.
Jahr-
hunderts zeigt die Orgel ihre Stärken. Die acht (auf den 1894 angebauten
Kanzellen) hinzugefügten Register sind in Mensuration und Intonation
dem
Walckerschen Originalbestand angeglichen und verbinden sich lückenlos.
Ein bedeutendes Instrument des 19. Jahrhunderts ist somit wieder-
erstanden. Seine Annahme durch die Kirchgemeinde und zahlreiche Orgel-
freunde ist beglückend und die Bestätigung für den 1987
beschrittenen
Weg. |