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Duisburg, CityPalais Mercatorhalle
Zur Konzeption der neuen Konzertorgel
 
Die meisten Menschen assoziieren den Klang einer Orgel mit einem kirch-
lichen Instrument. Dabei ist weitgehend in Vergessenheit geraten, dass die
Orgel ursprünglich einmal ein weltliches Instrument war. Sie erklang in den
Zirkusarenen des alten Roms ebenso wie in den Palästen von Königen und
Kaisern.

Im England des 19. Jahrhunderts erlebte die Orgel eine besondere Blüte-
zeit als Konzertinstrument in Stadthallen und Konzertsälen. Bedeutende
Virtuosen, wie etwa William Thomas Best und andere führten hier nachmit-
tags populäre Orgelkonzerte auf, zu denen “bei niedrigstem Eintritt” breite
Schichten aller Bevölkerungsgruppen strömten. Neben Programmmusiken
wie etwa "Gewitterszenen" erklangen vor allem Bearbeitungen großer
Orchesterwerke für die Orgel, so z.B. Transkriptionen der Werke Richard
Wagners. Die jährlichen "Promenade Concerts" in der Londoner
Royal Albert Hall etwa, bei denen auch immer wieder die große Orgel zum
Einsatz kommt, stellen einen Nachklang dieser Tradition dar.

Mit Beginn des Stummfilmes um 1900 und bis zur Einführung des Tonfilmes
nach 1920 erlebte die weltliche Konzertorgel nochmals einen Aufschwung.
Ausgehend von England und den USA eroberte sich die "Kinoorgel"
("Theatre-Organ") als Pfeifeninstrument den Kontinent; in nahezu jeder
größeren Stadt befanden sich solche Instrumente in den Lichtspieltheatern
und untermalten mit enormer Bandbreite von Dynamik und Klangfarben die
Stummfilme. Obgleich in den vergangenen Jahrzehnten in Europa ver-
schiedene Orgeln in Konzertsälen gebaut wurden, unterlagen nicht wenige
von ihnen nach ihrer festlichen Einweihung einem anhaltenden "Dornrös-
chenschlaf". Grund dafür ist unter anderen, dass sich einige dieser Instru-
mente kaum von Kirchenorgeln unterscheiden. Und diese sind in einem
Konzertsaal völlig fehl am Platze.
Die Aufgabenstellung, für die Mercator-Philharmonie im CityPalais Duisburg
eine englische Konzertorgel in der spätromantischen Tradition des 19. und
frühen 20. Jahrhunderts konsequent durchzuplanen, war daher eine rühm-
liche Ausnahme und hat uns Orgelbauer von Anfang an fasziniert.
Ungewöhnlich und anregend war auch der Vorschlag der Stadt Duisburg
als Auftraggeberin, in das neue Instrument technische und klangliche
Schnittstellen einzubringen, die eine Auseinandersetzung mit zeitgenössi-
scher Musik im sogenannten U-und E-Bereich fördern können. Als Klang-
vorbild waren die Konzertsaalinstrumente in Kinnaird Hall/Dundee (Harrison
& Harrison 1923) und Usher Hall/Edingburgh (Norman & Beard 1913)
genannt worden.

Für die Gestaltung von Orgeln nach bestimmten Klangvorbildern gibt es
mehrere Möglichkeiten: Zum einen die akribische Kopie. Hier läuft der
Orgelbauer jedoch in Gefahr, ein Instrument mit originärem Klang in eine
fremde und möglicherweise nicht passende Umgebung zu transportieren.
Ungleich wichtiger ist es, die gewünschte Bauweise konstruktiv und klang-
lich so intensiv wie möglich zu erfassen, zu begreifen und schließlich anzu-
wenden. Da Orgeln stets individuell gestaltete Musikinstrumente mit
intensivem Raumbezug sind, lässt sich nur auf diese Weise ein Klangstil
entsprechend adaptieren.

Grundlegender Unterschied zwischen traditioneller Kirchenorgel und spät-
romantischer Konzertorgel sind in erster Linie die meist gänzlich anderen
akustischen Voraussetzungen. Muß die Kirchenorgel von der Empore aus
in der Regel den Raum linear-axial durchdringen, so ist bei der Konzert-
orgel meist eine flächigere und mehrdimensionale Klangausbreitung
erforderlich. Dies schlägt sich in der unterschiedlichen Gewichtung der
Klangressourcen nieder: So treten etwa archetypische, konsequent durch-
geführte Principalchöre mit ihren (in Konzertsälen meist weniger mischfä-
higen) Mixturen ebenso wie das "Werkprinzip" zugunsten gleitender,
dynamischer Übergänge der Register und Registergruppen untereinander
zurück. Mischfähige Flöten und Streicher bieten zusammen mit Zungen-
registern unterschiedlichster Bauweisen eine sinfonische Klanggebung, die
auch nahtlos mit Chören und Orchestern verschmelzen sollte. Die Orgel
sollte sich nicht hart gegen den Raum absetzen, sondern, wie Albert
Schweitzer es einmal ausdrückte, in den "Raum fluten".
Alle diese Eigenschaften einer englischen Konzertorgel um 1900 wurden in
unserer Konzeption berücksichtigt, bis hin zur Tuba sonora 8´auf hohem
Wind, die sich gegen das Hauptwerkstutti deutlich absetzt. Die ursprüngli-
che Idee, in das Instrument noch ein Zusatzwerk im Stile einer "Theatre
Organ" zu integrieren, konnte aus räumlichen Gründen nicht verwirklicht
werden; die Register Tibia clausa 8´(als grundtönige Flöte) und Vox
humana 8´(Menschenstimme) wurden jedoch aus dieser Tradition einge-
bracht. Auch das Pedal mit drei 32´- Stimmen und neun eigenen und trans-
mittierten 16´- Registern entspricht dem typischen Charakter der großen
"Town-Hall-Organs".

Eine "englische" Orgel in Duisburg. Ganz so ungewöhnlich ist diese Vorstel-
lung nicht. Ein heute intensiv gepflegter, kultureller Austausch lässt Europa
zusammenwachsen und das ist gut so. Darüber hinaus darf nicht außer
Acht gelassen werden, dass der englische Orgelbau, trotz seines "Insel-
Daseins" in der Vergangenheit, immer wieder vom Kontinent beeinflusst
wurde. So brachten etwa "Father" Bernhard Smith aus Deutschland und
der Schweizer John Snetzler im 17. und 18. Jahrhundert wesentliche Impul-
se mit, während besonders der Thüringer Johann Friedrich Schulze nach
1850 den romantischen Orgelbau in England spürbar prägte. Ähnlich in der
Orgelmusik: Komponisten wie Charles Villiers Stanford studierten in
Deutschland und Mendelssohns mehrfache Besuche in England führten
zum Ausbau der Pedalwerke, die zuvor nicht oder nur mit wenigen Bass-
tönen vorhanden waren. Von England aus kamen wiederum wichtige tech-
nische Neuerungen auf den Kontinent, wie etwa der parallel aufgehende
Blasbalg und das Schwellwerk.
In der Tradition solcher wechselseitigen Impulse steht auch die neue Orgel
in der Mercator-Philharmonie und kann damit ein Zeichen einer gewach-
senen, europäischen Kultur sein. Einer Kultur mit durchaus selbständigen
Traditionen, jedoch ohne innere und äußere Grenzen.
Möge das neue Instrument in diesem Sinne freudig und häufig erklingen,
ohne in einen “Dornröschenschlaf" zu versinken.

Burkhart Goethe
 
 
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Spieltisch mit Prospektansicht, Mercatorhalle im CityPalais Duisburg
Detail Prospektansicht, Mercatorhalle im CityPalais Duisburg
Eule-Konzertorgel, Mercatorhalle im CityPalais Duisburg
CityPalais Duisburg