| Hermann Eule Orgelbau -
opus 610, III / 51
Erbaut 1996
Planung
Der Orgelneubau sollte musikalisch und raumgestalterisch der Bedeutung
der im 15. Jahrhundert vollendeten Hallenumgangskirche entsprechen,
die
zum Ursprung der Reformation in Berlin-Brandenburg wurde. Die Bauge-
schichte der St. Nikolai-Kirche und ihrer ehemaligen Orgeln, vor allem
des
zweimanualigen Werkes von Joachim Wagner, sollten das Konzept der
neuen Orgel wesentlich mitbestimmen; dennoch war ein modernes, zeit-
gemäßes Instrument geplant, das neben den liturgischen Erfordernissen
auch die Anforderungen eines Konzertinstrumentes erfüllen muss.
Joachim Wagner, zwei Jahre Geselle bei Gottfried Silbermann, hat eine
Variante des sächsischen Stils nach Berlin-Brandenburg gebracht,
der von
Schülern und Enkelschülern bis weit in die zweite Hälfte
des 19. Jh. gebaut
wurde. Das dem Meister des Barock verpflichtete Werk sollte drei Manuale
mit Pedal umfassen.
Während das I. und II. Manual vorrangig die klanglichen Elemente
Joachim
Wagners aufgreift, steht das dritte Manual in der Mensuration an der
Schwelle des 18. und 19. Jh., wie sie bei früheren Werken Friedrich
Ladegasts zu finden ist. Auch er prägte die Spandauer Orgelgeschichte
wesentlich mit. Die Ausführung des Orgelbaus sollte in allen Teilen
den
Erfordernissen kunsthandwerklichen, individuellen Schaffens entsprechen.
Mit der Grundforderung nach einem Instrument unserer Zeit, entstand
ein
Werk, bei dem auch die Orgelgeschichte von St. Nikolai spürbar
bleibt.
Gestaltung
Burkhart Goethe:
Anders als bei sonstigen Bauwerken wird das Äußere einer
Orgel fast aus-
schließlich von der Funktion geprägt. Schließlich ist
es nicht ein architek-
tonischer Körper "per se", sondern in erster Linie ein
Musikinstrument.
Die dadurch geprägten gestalterischen Präliminarien sind Anregung
und
Fessel zugleich: Eben keine weitgehende gestalterische Freiheit, sondern
eine vorgegebene Richtschnur durch Trakturverläufe, Pfeifenaufstellung,
Klangabstrahlung, Klimabeständigkeit und vieles andere mehr. Grundidee
für die innere und äußere Struktur der neuen Orgel in
St. Nikolai war denn
auch nicht die vollkommene Nachbildung der 1734 erbauten Orgel
Joachim Wagners, sondern lediglich eine Anlehnung, eine Reminiszenz
an
dieses großartige, 1880 wieder entfernte Werk. Ziel des klanglichen
wie
optischen Entwurfes sollte ein Instrument aus dem letzten Dezennium
dieses Jahrhunderts sein, welches nicht den heute oft üblichen
"europä-
ischen Einheitsstil" verkörpert, sondern ganz bewusst regionale
Bindungen
schafft und hier besondere Akzente setzt.
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